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Hexenverfolgungen im Thüringer Raum 

Ronald Füssel 

1. September 2007 

Der thüringische Kultur- und Landschaftsraum der Frühen Neuzeit war wesentlich größer als das heutige Thüringen und reichte vor allem im Süden (Sachsen-Coburg) und Norden über die Grenzen des mitteldeutschen Freistaates hinaus. Das Gebiet erstreckte sich von Nordhausen am Südrand des Harzes bis Coburg sowie von Gerstungen an der Werra bis Altenburg. Darin finden sich die territorialen Besitzungen folgender Herrschaften: Wettiner ernestinischer Linie (bis 1547 Kurfürsten, danach Herzöge von Sachsen, zunächst als Gesamthaus, ab 1572 in Kleinstaaten zersplittert), Wettiner albertinischer Linie (seit 1547 Kurfürsten von Sachsen, kursächsische Besitzungen im Norden des Thüringer Raumes sowie ab 1657/60 mit den Sekundogenituren Sachsen-Zeitz und Sachsen-Weissenfels), Grafschaft Schwarzburg (mehrere Linien), Herrschaft Reuß (mehrere Linien), Erzbistum Mainz (mit Erfurt und auf dem Eichsfeld), Landgrafschaft Hessen (mit der Herrschaft Schmalkalden), Grafschaften Stolberg, Gleichen und Mansfeld, Herrschaften Beichlingen und Boineburg-Lengsfeld, Ganerbschaft Treffurt, Reichsstädte Mühlhausen und Nordhausen. 


Abb. 1: Anzahl der thüringischen Hexenprozesse

Für dieses größere historische Gebiet konnten bisher insgesamt 1.565 Hexenprozesse ermittelt werden, die sich auf die Jahre zwischen 1526 und 1731 verteilen. Nach einem nur langsamen Anlaufen in den ersten Jahrzehnten ist eine deutliche Zunahme der Verfolgungen nicht vor 1590 zu verzeichnen. Zwischen 1598 und 1631 kam es zu einer großen, allerdings auch mehrfach gebrochenen Verfolgungswelle, gegen deren Ende das Jahr 1629 den absoluten Höhepunkt der thüringischen Hexenverfolgungen markiert. Bedingt durch das Kriegsgeschehen des Dreißigjährigen Krieges endeten die Verfolgungen 1631 schlagartig. Nach dem Krieg, der Thüringen über die Hälfte seiner Bevölkerung gekostet hat, blieb es zunächst noch einige Jahre ruhig, jedoch setzte 1656 eine zweite massive Verfolgungswelle ein, die sich bis 1700 hinziehen sollte. Danach kam es nur noch zu wenigen Einzelfällen. 


Abb. 2: Räumliche Verteilung der thüringischen Hexenprozesse

Über 60 Prozent der Verfolgungen konzentrieren sich auf das Henneberger (ca. 750) und das Coburger Land (ca. 230) im Süden und Südwesten Thüringens. Aber auch auf der anderen Seite des Thüringer Waldes, im gothaischen Amt Georgenthal (ca. 50), ist es, vor allem nach 1656, zu zahlreichen Prozessen gekommen. Intensive Verfolgungen lassen sich ebenso in den beiden Reichsstädten Mühlhausen (ca. 65 Fälle zwischen 1624 und 1731) und Nordhausen (ca. 30 Fälle zwischen 1559 und 1644) beobachten. In landschaftlicher Hinsicht deckt sich das Verfolgungszentrum mit den bergigen Regionen des Thüringer Waldes und der thüringischen Rhön, während es im flachen Thüringer Becken kaum zu Hexenprozessen gekommen ist.

Die rechtliche Grundlage 

Da die territorial nur begrenzt geltenden Gesetzeswerke im Thüringer Raum – wie die 1539 erlassene Hennebergische Landesordnung und die Ernestinische Landesordnung von 1556 – weder Hexerei noch Zauberei kannten, muss ab 1532 besonders der Artikel 109 der Carolina als die in ganz Thüringen maßgebliche Rechtsgrundlage in Zaubereifällen angesehen werden. Davon ausgenommen blieben lediglich die thüringischen Besitzungen Kursachsens, wo man in Zaubereifällen zunächst weiterhin am Sachsenspiegel festhielt. Nach 1572 erlangte jedoch im größten Teil Thüringens die Kursächsische Kriminalordnung Gültigkeit. Anders als die Carolina, welche den Tatbestand der Zauberei noch ganz profan nach dem angerichteten Schaden beurteilte, setzte die Kursächsische Kriminalordnung einen völlig neuen, einen spirituellen Maßstab an und stellte in Const.IV,2 das Element des Teufelsbundes in den Vordergrund. Diese Kriminalordnung galt nicht nur in Kursachsen und damit auch in den kursächsischen Besitzungen im Thüringer Raumes, sondern wurde mit diesem Artikel auch nach und nach zur Rechtsgrundlage für die meisten anderen thüringischen Herrschaften. Davon ausgenommen blieben die mainzischen Besitzungen um Erfurt und auf dem Eichsfeld, die Reichsstädte Mühlhausen und Nordhausen sowie die seit 1583 hessische Herrschaft Schmalkalden, in denen weiterhin nach der Carolina geurteilt wurde. Uneinheitlich gestaltete sich die Situation in Sachsen-Coburg: Da die Pflege Coburg zum fränkischen Rechtskreis gehörte, galt in ihr die Carolina, während die thüringischen Teile des Fürstentums zum sächsischen Rechtskreis gehörten, wo sächsisches Recht galt. Vom sächsischen Recht formal ausgenommen blieb auch die zum fränkischen Rechtskreis gehörende Grafschaft Henneberg. Allerdings ist anzunehmen, dass in den 1657/60 an die albertinische Sekundogenitur Sachsen-Zeitz gefallenen hennebergischen Ämtern die Carolina von der Kursächsischen Kriminalordnung verdrängt worden ist.

In der Gerichtspraxis spielte die Frage, ob bei einem Verfahren das Kriterium des Schadenzaubers (nach der Carolina) oder das des Teufelsbundes (nach der Kursächsische Kriminalordnung) im Vordergrund stand, keine wesentliche Rolle. Die Akten zeigen, dass in den meisten Verfahren ohnehin beide Tatbestandsmerkmale beharrlich nachgefragt und – spätestens in der Tortur – von den Angeklagten auch gestanden worden sind. Und für diesen Fall sahen beide Gesetzeswerke den Tod durch das Feuer vor.

Der Hexenprozess 

Trotz der Vielzahl an Herrschaften verlief das Inquisitionsverfahren in Hexenprozessen in ganz Thüringen relativ einheitlich und gleichförmig. Von der Regelung der Kostenfrage sowie den im Gesetz nicht vorgesehenen und willkürlich verhängten Verdachtsstrafen des Landesverweises und der „absolutio ab instantia“ abgesehen, folgte man überall dem in der Carolina vorgezeichneten Modus des „processus ordinarius“. Um die Einhaltung dieser Vorgaben bemühten sich Spruchkörper und Landesregierungen gleichermaßen. Kamen Verfahrensfehler ans Licht, wurden sie gerügt und zumeist auch geahndet. Obwohl das Hexereiverbrechen natürlich auch hier als außergewöhnlich und besonders schändlich galt, wurde es nicht explizit als „crimen exceptum“ ausgelegt.

Wie in Artikel 219 der Carolina empfohlen, kam in ganz Thüringen das Institut der Aktenversendung zum Tragen. Die örtlichen Gerichte entschieden also nicht selbst, sondern holten sich bei Schöppenstühlen und Juristenfakultäten weitgehend verbindliche Rechtsbelehrungen ein, die von den Landesregierungen allerdings noch bestätigt werden mussten, was regelmäßig geschah. Dieser einheitliche Instanzenweg lässt die gelehrten Spruchkörper als die maßgebliche und zentrale Entscheidungsebene im Hexereiverfahren erkennen. Im Vergleich zu anderen deutschen Territorien, wo die örtlichen Gerichte mehr Entscheidungskompetenzen besaßen, ist dies bemerkenswert. Soweit es sich nachvollziehen lässt, wurde in ca. 57 Prozent der thüringischen Fälle der Schöppenstuhl Jena angerufen, in ca. 20 Prozent der Schöppenstuhl Coburg und in ca. 15 Prozent der Schöppenstuhl Leipzig. Andere Dikasterien wurden nur gelegentlich, zumeist in strittigen Fällen als zusätzliche Gutachter konsultiert.

Nach Maßgabe der vorgenannten Gesetzeswerke und Beurteilung durch die einzelnen Spruchfasser endeten ca. 75 Prozent der thüringischen Hexereiverfahren tödlich. Die Hälfte aller Angeklagten wurde verbrannt, weiteren elf Prozent wurde vor der Verbrennung die Gnade der Enthauptung zuteil. Andere Todesstrafen waren selten. Gut acht Prozent der Inquisiten erlebten nicht einmal den Ausgang ihres Verfahrens: Sie verstarben an den Folgen der Tortur oder erlagen den elenden Haftbedingungen. Jede vierte in einem Hexereiverfahren angeklagte Person kam mit Landesverweis oder Freispruch, also wenigstens mit dem nackten Leben davon. 

Die Beschuldigungen 

Viele Hexereibeschuldigungen gehen auf die Unterstellung eines Schadenzaubers zurück. Da der Thüringer Raum überwiegend ländlich geprägt war, entstammen auch die Schadenzaubervorwürfe zumeist dem ländlichen bzw. häuslichen Lebensbereich. Diese Vorwürfe beziehen sich auf reale Schäden und bezeichnen in der Regel Krankheit und Tod von Mensch und Vieh. Bei den Menschen ist zudem oft von Läusebefall sowie Lähmungen an Arm und Bein die Rede. Gaben Kühe nicht mehr genug Milch, wurde schnell jemand des Milchdiebstahls verdächtigt, besonders bei den frühen Fällen. Später wurde der Begriff der „Milchdiebin“ auch mit dem der Hexe gleichgesetzt. 

Bei den Schadenzaubervorwürfen lassen sich regionale Unterschiede feststellen: Auf den Norden Thüringens beschränkt und wohl überhaupt vornehmlich im Harzraum (Sachsen-Anhalt) zu finden, war der Zauber mit „Elben“. Diese Elben stellte man sich als Teufelsfrüchte vor, die der Buhlschaft zwischen Teufel und Hexe entsprungen waren. Als eine Art Ungeziefer von unterschiedlich beschriebener Gestalt drangen sie dann in den Körper ihres menschlichen Opfers ein und plagten diesen. 

Eher im mittleren aber vor allem im südlichen Thüringen beheimatet war der Glaube an den Drachen, bisweilen auch „feuriger Drache“ genannt, der im regionalen Volksglauben eine feste Rolle spielte und mythologisch geradezu das Sinnbild des Satans darstellt. Gleich dem Teufel fuhr er zumeist nachts in die Schornsteine der Häuser ein und aus oder wurde auf dem Dach sitzend gesehen. Seinen Besitzern, den sogenannten „Drachenhaltern“, soll er allerhand Vorteile verschafft haben – etwa in Form von Nahrungsmitteln. 

Ein weiterer häufiger Anklagepunkt in Hexenprozessen war die Beschuldigung der Hostienschändung, die jedoch nicht nur in ganz Thüringen, sondern auch weit darüber hinaus zu finden ist und zu den typischen Hexereivorwürfen gehörte. 

Bei einer Inquisition aufgrund der Besagung durch eine „andere Hexe“ stand zumeist die Teilnahme am Hexensabbat im Vordergrund, da sich die beiden Hexen ja auf dieser Veranstaltung gesehen haben mussten. Nach den anderen Teilnehmern am Hexentanz wurde bei den Verhören gezielt gefragt, und früher oder später nannten fast alle Angeklagten Namen vermeintlicher Komplizen. Waren die Angeklagten durch die Tortur gebrochen, gaben Sie in der Regel auch die anderen Elemente des Hexereiverbrechens zu. Der voll ausgebildete Hexereibegriff mit seinen einzelnen Elementen lässt sich seit Ende des 16. Jahrhunderts in den Akten und Geständnissen nachweisen. 

Wer waren die Hexen? 

Die Quellenlage in Thüringen ist recht gut, denn in fast allen Staatsarchiven finden sich noch zahlreiche Prozessakten. Viele Fälle finden sich auch in der älteren Literatur beschrieben. Trotzdem vermag daraus das Profil einer „typischen Hexe“ nicht erkannt zu werden. Der Hexereiverdacht konnte jede und jeden treffen. Es lässt sich lediglich sagen, dass 87 Prozent der Angeklagten Frauen waren, zumeist verheiratet und zwischen 20 und 50 Jahre alt. Kinder und Greise finden sich nur relativ selten in den Akten. Die meisten Angeklagten kamen aus dem ländlichen bzw. kleinstädtischen Umfeld, wenngleich die Prozesse natürlich in den etwas größeren Amtssitzen geführt wurden. 

Literatur: 

Churfürst Augusti Verordnungen und Constitutiones, 21.4.1572, in: Codex Augusteus oder Neuvermehrtes Corpus Juris Saxonici, Bd. 1, Leipzig 1724, Sp. 73-131. 

Egbert Friedrich, Hexenjagd im Raum Rodach und die Hexenprozeßordnung von Herzog Johann Casimir, Schriften des Rodacher Rückert-Kreises, Heft 19, Rodach 1995. 

Ronald Füssel, Hexen und Hexenverfolgung in Thüringen, Landeszentrale für politische Bildung Thüringen (Hg.), Erfurt 2006 (2. Auflage). 

Ronald Füssel, Die Hexenverfolgungen in Sachsen-Gotha unter Ernst dem Frommen, in: Roswitha Jacobsen und Hans-Jörg Ruge (Hg.), Ernst der Fromme (1601-1675). Staatsmann und Reformer, Jena 2002, S. 79-86. 

Ronald Füssel, Die Hexenprozesse im Thüringer Raum und ihre Anklagepunkte, in: Rita Voltmer und Günter Gehl (Hg.), Alltagsleben und Magie in Hexenprozessen, Weimar 2003, S. 125-136. 

Ronald Füssel, Die Hexenverfolgungen im Thüringer Raum, Hamburg 2003. 

Hexen und Hexenverfolgung in Thüringen, Begleitbuch zur Ausstellung Hexen in Thüringen im Schloß Elisabethenburg Meiningen vom November 2003 bis April 2004, Reihe: Südthüringer Forschungen, hrsg. von den Meininger Museen, Bd. 32 sowie Reihe: Hexenforschung, hrsg. von Dieter R. Bauer, Wolfgang Behringer u. a., Band 8, Meiningen und Bielefeld 2003. 

Gustav Radbruch (Hg.), Die Peinliche Gerichtsordnung Kaiser Karls V. von 1532 (Carolina), Stuttgart 1991. 

Manfred Wilde, Die Zauberei- und Hexenprozesse in Kursachsen, Köln u. a. 2003. 

Empfohlene Zitierweise

Füssel, Ronald: Thüringer Raum - Hexenverfolgungen. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/de/persistent/artikel/5498/

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Erstellt: 21.08.2007

Zuletzt geändert: 21.08.2007

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