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Spizel, Gottlieb (Spizelius Theophil, Spitzel) 

Claudia von Collani 

18. Dezember 2012

* 11. September 1639 in Augsburg, † 17. Januar 1691 in Augsburg, Protestantischer Geistlicher, Pietist, Polyhistor, Proto-Sinologe, Befürworter des Hexenglaubens

Kurzbiografie 

Spizel entstammte einem Adelsgeschlecht aus der Steiermark. Wie damals üblich begann Spizel seine Studien mit 15 Jahren an der Akademie in Leipzig, mit neunzehn Jahren erwarb er den Titel eines Magisters der Philosophie, um anschließend protestantische Theologie zu studieren. Auf seiner Bildungsreise, die ihn über Wittenberg, Leiden, Köln, Mainz, Frankfurt, Straßburg und Basel führte, wurde Spizel mit Johann Amos Comenius (1592–1670) in Amsterdam bekannt und machte sich mit den Gedanken von René Descartes (1596–1650) und Johannes Coccejus (1603–1669) vertraut. In Basel traf Spizel Johannes Buxtorf den Jüngeren (1599–1664). Mit 23 Jahren wurde Spizel Diakon an der Kirche St. Jakob zu Augsburg, 1682 wurde er Pastor dort und 1690 endlich Senior des dortigen Ministeriums. Kurz darauf verstarb er jedoch. Seiner Ausrichtung nach gehörte Spizel dem Pietismus an.

Spizel betätigte sich weniger als Theologe denn als Polyhistor und Büchersammler mit einer großen Bibliothek und vielfältigen Interessen. Zu seinen Korrespondenten gehörten der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) und der Jesuit Athanasius Kircher (1602–1680), er war Gesprächspartner und Korrespondent von Philipp Jakob Spener (1635–1705), dem Begründer des lutherischen Pietismus. Als Pastor in Augsburg musste Spizel Konflikte mit dem Katholizismus austragen. Der religionskritischen Gelehrsamkeit seiner Zeit als Vorboten der Aufklärung trat er entgegen, wobei ihn Leibniz ermunterte.

Während seines Aufenthaltes in Leiden veröffentlichte Spizel sein frühestes Werk "Commentarius de re litteraria Sinensium...", (Leiden 1660), womit er zu einem „Protosinologen“ (Mungello 1985, S. 213) wurde. Seine Quellen waren dabei die Werke der jesuitischen Chinamissionare Michele Ruggieri (1643–1607) und Martino Martini (1614–1661) "Sinicae Historiae Decas prima" (München 1658). Spizel versuchte darin die Verbindung zwischen chinesischer, griechischer, ägyptischer und indischer Philosophie und religiösem Weltkonzept herzustellen. Als Anhänger der „Prisca Theologia“ war Spizel davon überzeugt, dass Glaubenslehren des Christentums auch bei heidnischen Völkern von Prophetinnen und Propheten verkündet worden waren (Sibyllen, Zoroaster, die Druiden, Orpheus, Pythagoras, Platon u.a.) und rechnete, Martini folgend, auch Konfuzius dazu.  

Dämonologie 

Neben einigen wenigen theologischen Werken, z. B. Predigten, veröffentlichte Spizel vor allem sein Buch "Die gebrochene Macht der Finsternüß oder Zerstörte teuflische Bunds- und Buhlfreundschafft mit den Menschen: das ist gründlicher Bericht, wie und welcher Gestalt die … Zauber-Gemeinschafft mit den bösen Geistern angehe …, allen heyl- und gnaden-begierigen und vom leydigen Satan … verstrickte Seelen .., Augsburg 1687" (schwer erhältlich). Spizel schrieb seinen Traktat in deutscher Sprache, um die Obrigkeit anzuleiten, die existierende Verfolgung von Hexen und Zauberern fortzuführen. Dabei bezichtigte er all jene des Atheismus, die eine solche Annahme des Paktes mit dem Teufel als abergläubisch bezeichneten und daher die Verfolgung angeblicher Hexen und Zauberer ablehnten. Spizel unterschied zwischen natürlicher und künstlicher Magie, die er beide als zulässig betrachtete, und verbotener, teuflischer Magie, auch Zauberei genannt. Für Spizel war der Glaube an Gott und an den Teufel untrennbar miteinander verbunden. Als Zeugen für den Glauben an Zauberei und Hexerei führte Spizel Kirchenväter an wie Augustinus, Tertullian, Chrysostomos, Thomas von Aquin, Bonaventura, wonach es Ketzerei sei, nicht an dergleichen zu glauben. Damit nämlich würde dem Atheismus, d. h. der Leugnung Gottes, der Weg bereitet. Nach Spizel beweisen die Gesetze Gottes gegen die Zauberei, dass es sehr wohl Pakte zwischen dem Teufel und Menschen gebe. Zum schärfsten Kritiker Spizels wurde der Rechtsphilosoph der deutschen Frühaufklärung Christian Thomasius (1655–1728) mit seinem Buch "De crimine magiae" (1701), deutsch: "Vom Laster der Zauberei. Über die Hexenprozesse" (1712), der Spizel eine gewisse „Einfalt und Pietæt“ zugutehielt.

Quellen 

Gottlieb Spitzel, Die gebrochene Macht der Finsternüß oder Zerstörte teuflische Bunds- und Buhlfreundschafft mit den Menschen: das ist gründlicher Bericht, wie und welcher Gestalt die … Zauber-Gemeinschafft mit den bösen Geistern angehe …, allen heyl- und gnaden-begierigen und vom leydigen Satan … verstrickte Seelen .., Augsburg 1687.

Christian Thomasius, Großes Dissertatio de crimine magiae, deutsch: Kurtze Lehr-Sätze Von dem Laster Der Zauberey, Halle 1704; 1712.

Literatur 

Dietrich Blaufuß, Reichsstadt und Pietismus. Philipp Jacob Spener und Gottlieb Spizel aus Augsburg, Neustadt a.d. Aisch 1977.

Dietrich Blaufuß, Korrespondenten von G.W. Leibniz – Gottlieb Spizel aus Augsburg (1639 – 1791): ein Anhänger Phil. Jac. Speners, des Führers des lutherischen Pietismus, 1973, S. 116-144.

Dietrich Blaufuß, Commercium epistolicum in der Reichsstadt, in: Reichsstadt und Pietismus - Philipp Jacob Spener und Gottlieb Spizel aus Augsburg, Neustadt a.d. Aisch 1977, S. 411-424.

Dietrich Blaufuß, Spizel, in: Die Religion in Geschichte und Gegenwart 7, Tübingen 2004, col. 1602.

Eduard Bodemann, Der Briefwechsel des Gottfried Wilhelm Leibniz in der Königlich öffentlichen Bibliothek zu Hannover, Hannover 1889, Nr. 887.

Martin Brecht, Geschichte des Pietismus I, Göttingen 1993.

Knud Lundbæk, T.S. Bayer (1694-1738). Pioneer Sinologist, London 1986, S. 46, 55.

Franz Merkel, Leibniz und die China-Mission, Leipzig 1920, S. 29.

David E. Mungello, Curious Land: Jesuit Accommodation and the Origins of Sinology, Stuttgart 1985, S. 153-155, 169f, 213, 231.

Gerhard Simson, Einer gegen alle. Die Lebensbilder von Christian Thomasius, Georges Picquart, Cesare Lombroso, Henri Dunant, Fridtjof Nansen, München 1972.

Johann Heinrich Zedler (Hg.), Großes und vollständiges Universal-Lexikon aller Wissenschaften und Künste XXXIX, Halle 1744, cols. 298f.

Empfohlene Zitierweise

Collani, Claudia von: Spizel, Gottlieb (Spizelius Theophil, Spitzel). In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/de/persistent/artikel/5755/

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Erstellt: 30.03.2008

Zuletzt geändert: 18.12.2012

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