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Schwimmtest 

Peter Dinzelbacher 

06. Januar 2011 

Eine der am häufigsten gebrauchten Ordalen des Früh- und Hochmittelalters war die Kaltwasserprobe. Dieser juristische Test bestand darin, den Angeklagten in Ketten zu legen und ihn oder sie in einen Teich oder ein mit kaltem Wasser gefülltes großes Fass zu werfen. Falls schuldig, würde ihn das reine Element Wasser nicht akzeptieren, sondern ihn auf der Oberfläche treiben lassen; falls unschuldig, wäre er in der Lage, für einige Zeit am Grund zu verbleiben, ohne zu ertrinken. Viele Kirchen im mittelalterlichen Europa besaßen solch einen Teich und hatten das bischöfliche Nutzungsprivileg; sie waren daran beteiligt, da der Priester, der anwesend sein musste, um die religiösen Zeremonien zu vollziehen (Segnung des Wassers, Singen der paraliturgischen Formeln), dafür eine Abgabe erhielt. 

Das Hexenbad ist ab dem 11. Jahrhundert an belegt, wurde jedoch vor dem 16. Jahrhundert eher selten durchgeführt. Als der IV. Laterankonzil 1215 allen Geistlichen jede weitere Beteiligungen an Ordalen untersagte, kam auch diese Methode der Wahrheitsfindung außer Gebrauch und wurde durch die Folter ersetzt. Dennoch überlebte diese Art von Ordal besser als andere Formen, oder wurde zumindest in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts neu belebt, als das sie in vielen Teilen des frühmodernen Europas (insbesondere West- und Norddeutschland, Frankreich, England, Niederlande, Ungarn), der Neuen Welt (Virginia, Connecticut) und einigen asiatischen Kolonien (Ostindien) relativ gebräuchlich wurde – das Verbrechen der Hexerei wurde als außergewöhnlich deklariert, dies machte außergewöhnliche Maßnahmen des Nachweises erforderlich. Der englische Begriff ‚ducking‘ oder ‚fleeting‘  findet sich im Deutschen unter den Bezeichungen ‚Hexenbad‘, ‚Hexenschwemmen‘ oder ‚Wasserprobe‘. Nicht selten, wie beispielsweise bei den Hexenprozessen von Geldern 1595/96, schloss sich an den betreffenden Test die Folter an, wenn der Angeklagte nicht sank. Es scheint gebräuchlich gewesen zu sein, den mutmaßlichen Sünder nackt auszuziehen und den rechten Daumen an den linken Zehen und umgekehrt zu binden.

Obwohl es praktiziert wurde, war das ‚Hexenschwemmen‘ nicht überall Teil der offiziellen Rechtsverfahren (bspw. in England). Dem Mainstream der Gelehrtendebatte dieser Zeit nach sollte die Wasserprobe als trügerischer Beweis angesehen werden (obwohl eine berühmte Autorität, König Jakob I. von Schottland, an ihren Wert glaubte und sie in seiner ‚Demonologia‘ III, 6 empfahl). Der Widerstand von Juristen und Theologen aller Konfessionen führte zu einer Reihe offizieller Verurteilungen dieses Beweises: Für die Spanischen Niederlande erklärte König Philipp II. 1595 diese Maßnahme für illegal, in Frankreich wurde sie 1601 vom Pariser Parlament verboten, 1603 schaffte der Bischof von Bremen sie für seine Diözesen ab. Gleichwohl gibt es Berichte, nach denen sie gebietsweise bis ins 18. und sogar ins 19. Jahrhundert hinein praktiziert wurde; 1636 erklärte das Magistrat von Osnabrück sie zum gültigen Rechtsbrauch, und 1644 ließ der Bayrische Heerführer Hans von Sporck viele der Frauen, die seine Truppen begleiteten, bei Schwäbisch-Hall in den Fluss Kocher werfen, um die Hexen unter ihnen zu ermitteln. Noch später musste die Kaiserin Maria Theresia zweimal das Fortführen dieses Ordals verbieten, 1740 und 1766. Deldenerbruck (Holland) 1823 und Hela bei Danzig (1836) sind zwei späte Fälle des Gebrauchs der Wasserprobe durch Lynchmobs, die Männer der Zauberei und Frauen der Hexerei verdächtigten. Eine Erinnerung an diesen Brauch ist der Name ‚witch pool‘, den ein Teil der St. Andrews Bay in Schottland trägt. 

Einige außereuropäische Völker kannten dieselben Methoden, um Zauberer zu enttarnen, so nennt der babylonische Codex Hammurapi (ca. 1700 v. Chr.) ein Ordal, bei dem die verdächtige Person in einen Fluss getaucht wurde. Bezüglich des antiken Griechenlands gibt es einige vage Hinweise auf Magier, die oben schwammen, wenn sie ins Wasser geworfen wurden, aber es ist unklar, ob diese Formulierung auf ein Ordal oder eine Bestrafung referiert.

Literatur 

Jakob Rickius von Arweiler, Defensio... probae aquae frigidae. Coloniae, 1598.

Gudrun Gersmann, Wasserproben und Hexenprozesse. Ansichten der Hexenverfolgung im Fürstbistum Münster. In: Westfälische Forschungen 1998, S. 449 – 481.

Gerhard Schormann, Hexenprozesse in Niederdeutschland. Hildesheim, 1977, S.118-123.

R. Wartena, Een waterproef, in: Bijdragen en mededelingen Geldre 54, 1954, S. 280.

Hermann Neuwald / Heinrich Meibaum, Bericht von Erforschung Prob und Erkentnis der Zauberinnen durchs kalte Wasser. Helmstedt, 1584.

Georg Adam Struve /Johann Christoph Nehring, Disputatio Iuridica De Indiciis & Proba Per Aquam Frigidam Sagarum, Wasser-Prob der Hexen. Jena, 1687.

Siehe auch: Ordale 

 

Empfohlene Zitierweise

Dinzelbacher, Peter: Schwimmtest. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/de/persistent/artikel/9005/

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Erstellt: 28.07.2011

Zuletzt geändert: 28.07.2011

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