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Schiltach 1533 („Der Teufel von Schiltach“)

Hans Harter 

8. April 2008

Der „Teufel von Schiltach“ ist ein bis heute bekannter Topos bzw. eine in den klassischen Sagensammlungen auftauchende Geschichte, die auf eine vermeintliche Teufelserscheinung und Hexereizuschreibung in Schiltach (Landkreis Rottweil, Baden-Württemberg) zurückgeht. Sie erfolgte aufgrund eines verheerenden Brands im Jahr 1533, der die damals württembergische Stadt Schiltach in ihrem Kern zerstörte.

1. Die Ereignisse 

Die Schiltacher Ereignisse von 1533, anfänglich ein Spuk, dann am 10. April eine Brandkatastrophe, die durch eine Hexe und ihren Teufel verursacht worden sein sollte, besitzen in mehrfacher Hinsicht überörtliche Bedeutung: Zum einen zeigen sie, wie eine Notsituation einen offenbar tiefsitzenden Schadenzauberglauben virulent werden ließ, der einen enormen Verfolgungsdruck auf die Obrigkeit ausübte. Durch „Neue Zeitungen“ publizistisch aufgegriffen, wird sodann das erregte Interesse der Öffentlichkeit an dem Teufel- und Hexen-Thema deutlich, mit dem „Schiltach 1533“ auch in die Chroniken einging. Schließlich – und das macht seine Fernwirkung aus – bemächtigten sich Dämonologen und Theologen noch mehr als 150 Jahre lang des Falls, der für sie ein gut verbürgtes Exempel für das Wirken der Macht des Bösen war.

Die nicht durch Akten, aber durch einen Brief, zwei verschiedene Flugschriften, einen Einblattdruck sowie mehrere Chroniken in etwa gleichlautend dokumentierten Ereignisse setzten damit ein, dass eine aus der Nachbarstadt Oberndorf am Neckar stammende Magd eine neue Stelle in Schiltach (Schwarzwald) antrat, im Wirtshaus des Schultheiß Jakob Schörnlin. Ihr folgte wenig später ein Gespenst, das die Hausbewohner und Gäste mit Pfeifen, Trommeln und allerlei Schabernack narrte, jedoch unsichtbar blieb. Weder zu Hilfe geholte Gesellen, noch zwei Pfarrer, die einen Exorzismus ausführten, wurden des Phänomens Herr. Sie deuteten die Vorgänge als Wirken des Teufels. Das Tag und Nacht zu vernehmende Rumoren hörte erst auf, als der Wirt die Magd am 29. März 1533 entließ und nach Oberndorf zurückschickte.

Nach elftägiger Pause setzte am 10. April (Gründonnerstag) die Gugelfuhr im Gasthaus erneut ein, verbunden mit der von dem Spuk ausgehenden Drohung, dass bald das ganze Städtchen bis auf den Boden verbrannt sei. Tatsächlich gingen an jenem Tag alle 17 Häuser der Schiltacher Kernstadt durch Feuer zu Grunde, und die etwa 120 Einwohner verloren Hab und Gut. Die Ursachensuche fixierte sich auf die Spukerscheinung zwei Wochen zuvor und damit auf Schörnlins frühere Magd: Sie wurde zur Schuldigen erklärt, zumal sich Stimmen erhoben, die sie am Morgen des Brands in Schiltach gesehen haben wollten. Eilige Nachfragen in Oberndorf ergaben jedoch, dass sie genau zur Tatzeit in der Kirche gewesen und zu den Sakramenten gegangen war. Diesen Widerspruch löste man über ein magisches Deutungsmuster auf, indem man einen Hexenflug auf einer Ofengabel von Oberndorf nach Schiltach und zurück imaginierte. Dieses vom abgebrannten Schiltach ausgehende Geschrei brachte die Oberndorfer Obrigkeit in Zugzwang und sie nahm die Frau, deren Name nicht überliefert ist, am 11. April (Karfreitag) in Haft.

Da für die Geschädigten ihre Schuld feststand, ging es nur noch darum, von ihr ein Geständnis zu bekommen. Erst ihre Unschuld beteuernd, gab sie dann unter der Folter Hexerei zu: Den Schadenzauber in Form der Brandstiftung, indem sie das Feuer auf Befehl des Teufels durch Umschütten eines Topfs entfacht habe; die langjährige Buhlschaft mit dem Satan sowie die von ihm verliehene Fähigkeit zum Hexenflug. Das vom Oberndorfer Stadtgericht verhängte Todesurteil wurde vom Stadtherrn, Freiherr Gottfried Werner von Zimmern, bestätigt, obwohl dieser eigentlich vor der Verfolgung von Hexerei Abscheu empfand: Am 21. April 1533 hat er sie lassen verbrennen, so die Zimmerische Chronik. Die geschockten Oberndorfer aber machten, um eine Katastrophe wie in Schiltach abzuwenden, eine Prozession um die Stadt und baten Gott um Gnad.

Doch kam die Sache nicht zur Ruhe: Einige Zeit später gestand in Ingolstadt ein als Schwarzkünstler verhafteter Mann, dass er der Geist (war), der das Städtlein verbrannte. Zu diesem Fall sind ebenfalls keine Akten überliefert, und die darüber berichtenden Chronisten lehnten, ihrerseits im Hexenglauben befangen, diese Nachricht einvernehmlich ab. Mit hoher Wahrscheinlichkeit führt sie jedoch auf den Grund der Schiltacher Ereignisse: Den Spuk im Wirtshaus veranstaltete ein von der Magd dort versteckter Vagant, vielleicht als Ulk oder Posse, vielleicht auch, weil er ihr, wie schon die Zeitgenossen mutmaßten, gegen den Wirt und seine Nachstellungen helfen wollte; nach deren Kündigung und Ausweisung rächte er sich mit der Brandstiftung, der, vielleicht unbeabsichtigt, das Städtchen insgesamt zum Opfer fiel.

2. Die Quellen 


Abb. 1:

Eine sechsseitige, in nur zwei Exemplaren erhaltene Flugschrift mit dem Titel ‚Ein erschrocklich Warhafftige History’ gibt an, am 26. April 1533 in Schiltach verfasst worden zu sein. Der anonyme Autor scheint auch noch ganz unter dem Eindruck der Ereignisse zu stehen, die er ohne Effekthascherei mitteilt, doch davon überzeugt, dass der listige Teufel die Stadt gar verderbt und verbrannt hat. Seine religiös verbrämte Sprache könnte darauf hindeuten, dass der in das Geschehen involvierte, damals noch katholische Stadtpfarrer Johannes Schwarz das Schriftstück verfasste. Sein Druck könnte in Strassburg erfolgt sein, wohin auf Grund der von Schiltach aus betriebenen Flößerei rege Beziehungen bestanden.

Von einer zweiten, siebenseitigen Flugschrift ‚Ein wunderbarlich erschrockenliche handelunge’ gibt es zwei, jeweils auf 1533 datierte Varianten, von denen eine in Leipzig bei Michael Blum gedruckt wurde; erhalten sind insgesamt fünf Exemplare. Ihr ebenfalls anonymer Autor geht das Thema mit dem gleichen Handlungsgerüst, aber viel größerer Sensationslust an, vor allem bei der Beschreibung der Umtriebe des Teufels, seines spöttischen Umgangs mit den Bürgern und Pfarrern sowie einem ausladend geschilderten, zum Stadtbrand führenden Hexensabbat.

Den in drei Exemplaren erhaltenen, kolorierten Einblattdruck ‘Ein erschröcklich geschicht Vom Tewfel und einer unhulden’ unterzeichnete der Briefmaler Steffan Hamer aus Nürnberg. Er brachte ihn, illustriert mit einem Holzschnitt des Künstlers Erhard Schön, gleichfalls noch 1533 heraus, den Schiltacher Sensationsfall aufnehmend und in Wort und Bild weiter verbreitend. Die Illustration zeigt den gehörnten Teufel und seine Werke: die Stadt, die er in Brand gesteckt, und die halbnackte Frau, die er auf den Scheiterhaufen gebracht hat. Der Text zeigt sich über die Ereignisse gut informiert, er zitiert aus der Urgicht der Maid und kennt den Tag ihrer Hinrichtung. Der Schluss ist moralisierend: Solch erschreckliche Geschicht solt uns billig zu Herzen gehen und zur Besserung unseres Lebens reizen.

Von den Chronisten, die sich des Falls annahmen, schrieben vier zeitnah oder aus erster Hand informiert: Der Villinger Ratsherr Heinrich Hug, der Sanktgaller Reformator Johannes Kessler, der Weißenhorner Kaplan Nikolaus Thoman sowie Graf Froben Christoph von Zimmern. Letzterer war in seiner Jugend durch das verbrannte Schiltach gekommen, sein Onkel hatte das Oberndorfer Todesurteil bestätigt. Kannte er die Schiltacher Geschehnisse aus eigener Anschauung (es ist ein erbärmlicher Anblick gewesen) bzw. familiärer Überlieferung, so ist unklar, wie die anderen Chronisten zu ihren, zum Teil sehr genauen Angaben gekommen waren. Es ist an Briefe zu denken oder an Berichte der Betroffenen, was aus Freiburg belegt ist: Dort erzählten Schiltacher Bürger das Geschehene im Rat, vielleicht eine Delegation, die um Hilfe für ihre zerstörte Stadt bat.

Ihr Bericht kam dem in Freiburg lebenden Humanisten Erasmus von Rotterdam zu Ohren, dem seinerseits eine Anfrage aus Antwerpen wegen der Schiltacher Ereignisse vorlag. Diese beantwortete Erasmus in einem Schreiben vom 25. Juli 1533, dabei ausführlich schildernd, was ihm zugetragen worden war: Als Tatsache hielt er fest, dass das ganze Städtchen plötzlich in Flammen aufging, und dass eine Frau aufgrund ihres Geständnisses hingerichtet wurde; als Gerücht, dass dabei ein Dämon die Hände im Spiel gehabt habe, was sich aber so hartnäckig halte, dass es nicht als erfunden betrachtet werden kann. Diese Äußerung, die, im Sinne des Schadenzaubers, den Teufel als Urheber materieller Schäden in Betracht zieht, sollte Wirkung entfalten: Bald gedruckt, wurde sie von den Dämonologen aufgenommen, für die sie ein durch die Autorität des Erasmus verbürgtes Beispiel für das vom Teufel angestiftete Wirken von Hexen war.

3. Die Rezeption 


Abb. 2:

Als erster verwendete es Nicolaus Rémy 1592 in seiner ‚Dæmonolatria’: Als Exempel aus dem Erasmo Roterodamo zitierte er dessen Brief, um zu zeigen, wie Teufel und die ihnen anhängenden Hexen Häuser und Gebäude in Brand setzen. Den von Rémy abgedruckten Erasmus-Text nahm Martin Del Rio in seine ‚Disquisitionum magicarum libri sex’ (1599) auf, in denen er Schiltach noch ein zweites Mal als Beispiel dafür nennt, dass Hexen nicht nur die Seele, sondern auch Körper, Häuser und Städte in Brand setzen können. Diese Stelle übernahm Francesco Maria Guazzo (‚Compendium Maleficarum’, 1608) und illustrierte sie mit einem Holzschnitt: Als vornehm gekleidetes Paar haben Teufel und Hexe soeben eine Stadt in Brand gesteckt.

Schließlich fand das „Exempel Schiltach“ seinen Weg ins koloniale Amerika, wo es die puritanischen Geistlichen Increase und Cotton Mather in die Diskussion um die Hexenprozesse von Salem (1692) einbrachten: The Town of Schiltach in Germany was … set on fire by a Devil … (I. Mather, 1693); Erasmus, among other Historians, tells us, that at a town in Germany, a Wich or Devil appeared… (C. Mather, 1693).

Auch deutsche protestantische Theologen bemächtigten sich des “Teufels von Schiltach“, für ihre Wunderzeichen- und Exempelbücher, in denen sie ihn als Paradebeispiel für das schädliche und schändliche Agieren des Bösen kurz vor dem Weltende vorführen. Der Jenaer Professor Job Fincel, der 1556 als erster auf ihn verwies, kannte ihn aus einer der Flugschriften von 1533. Von ihm übernahmen Conrad Lycosthenes (1557), Kaspar Goltwurm (1557), Andreas Hondorff (1568) und Wolfgang Büttner (1576) die Schiltacher Geschichte von des Teufels Gewalt und Bosheit, die in ihren teilweise oft aufgelegten Werken bis Ende des 17. Jahrhunderts Verbreitung fand.

Zugleich wurde der „Teufel von Schiltach“ im deutschen Sprachgebiet auch sprichwörtlich, den man zitierte, so man von einer erschrockenlichen Tat sagen will (Zimmerische Chronik). Literarische Belege dafür finden sich bei dem im elsässischen Westhofen tätigen Diakon und Schulmeister Johannes Zschorn (Unmuessig wie der teufel zuo Schiltach, 1559), sowie dem Straßburger Dichter Johann Fischart: Hey, dass dich der Teufel zu Schiltach hol (1575).

Auch in Schiltach griff man auf den Teufel zurück und verbrannte 1591, nach einem neuerlichen katastrophalen Stadtbrand im Jahr zuvor, eine Frau namens Brigita als ein Hex. Bis 1631 kostete der Hexenglauben hier neun weiteren Frauen das Leben, und in der Bevölkerung kamen, zum Teil vom protestantischen Stadtpfarrer gestützt, noch bis 1700 Hexereibeschuldigungen auf. Das Motiv des zauberisch verursachten Brandes lässt sich für diese Fälle jedoch nicht mehr nachweisen.

Auch nach dem Ende der Hexenverfolgung lebte der „Teufel von Schiltach“ weiter: Einerseits fand er in historisierter Form Eingang in die Geschichts- und Landesbeschreibung, andererseits wurde er zur Gruselgeschichte aus alter Zeit, deren sich Sagensammler, Literaten und Künstler annahmen. So reihten Jacob und Wilhelm Grimm die Schiltacher Ereignisse unter dem Titel ‚Des Teufels Brand’ in ihre ‚Deutschen Sagen’ (1816) ein, wobei sie sich an die Darstellung von Rémy hielten. Auch der Märchen- und Sagenschreiber Ludwig Bechstein verfasste für sein ‚Deutsches Sagenbuch’ (1853) einen ‚Teufel in Schiltach’, auf der Grundlage eines der Flugblätter von 1533, das ihm als Archivar in Meiningen vorlag. Daraus machte er 1854 unter dem Titel ‚Teufelsbuhlschaft’ auch eine seiner ‚Hexengeschichten’, mit literarischem Anspruch und deutlicher Stellungnahme gegen die Verfolgungen. Der Stoff blieb auch Wilhelm Jensen, einem Vielschreiber historischer Romane, nicht verborgen: 1883 erschien sein breit angelegter ‚Der Teufel in Schiltach’.


Abb. 3:

Die jüngste Adaption ist der im Auftrag des Südwestrundfunks 1984 gedrehte Fernsehfilm ‚Chronik vom Brand der Stadt Schiltach im Kinzigtal anno 1533’ des Regisseurs Frank Wesel. Zwar in verfremdeter Landschaft und Örtlichkeit spielend, hält er sich doch an das aus den Quellen zu erschließende Geschehen, das als ein aus volksmagischen Vorstellungen, Verdächtigungen, Intrigen und Rache gespeistes zwischenmenschliches Drama interpretiert wird.

In Schiltach hielten im 20. Jahrhundert die Künstler Karl Eyth und Eduard Trautwein die Erinnerung an den „Teufel von Schiltach“ wach, der hier seit 1942 in Form eines Freskos am Rathaus auch öffentlich erscheint. Davon ließ sich die nach dem Zweiten Weltkrieg entstandene Narrenzunft beeinflussen, als sie nach einer ortsgeschichtlichen Anbindung für eine Fastnachtsfigur suchte: Unter Hinweis auf die Ereignisse von 1533 kreierte man den „Schiltacher Teufel“ und stellte ihm die „Magd“ zur Seite; beide Masken gehören mittlerweile zum fastnächtlichen Brauchtum, das sich weitgehend verselbständigt hat und nicht auf seine historischen Hintergründe befragt wird. Dies gilt auch für die laufend erscheinenden, sich geheimnisvoll gebenden Sammlungen regionaler Sagen- und Spukgeschichten, in denen der „Teufel von Schiltach“, meist in der Fassung der Brüder Grimm, nicht fehlen darf.

Quelle 

Die „erste“ Flugschrift digitalisiert von der Bayerischen Staatsbibliothek München: http://www.digitale-sammlungen.de/~db/bsb00006348/images/

Literatur 

Hans Harter, Der Teufel von Schiltach. Ereignisse – Deutungen – Wirkungen. Mit einer Quellendokumentation, Stadt Schiltach (Hg.), Schiltach 2005 (Beiträge zur Geschichte der Stadt Schiltach Bd. 2). – Online: http://www.historicum.net/themen/hexenforschung/.

Ergänzungen bei: Arbeitskreis interdisziplinäre Hexenforschung. Mailingliste: http://www.listserv.dfn.de

Ursula-Maria Krah, Fiktionalität und Faktizität in frühneuzeitlichen Kleinschriften (Einblattdrucke und Flugschriften), in: Katrin Moeller und Burghart Schmidt (Hg.), Realität und Mythos, Hexenverfolgung und Rezeptionsgeschichte, Hamburg 2003.

Empfohlene Zitierweise

Harter, Hans: Schiltach 1533. in: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/de/persistent/artikel/5772/

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Erstellt: 04.04.2008

Zuletzt geändert: 23.04.2008

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