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Rémy, Nicolas (Dämonologe u. Procureur général de Lorraine) 

Lothringen, Herzogtum 

Elisabeth Biesel  

13.12.99  

Nicolas Rémy wurde zwischen 1525 und 1530 in Charmes/Vosges als Kind eines Beamten geboren. Er studierte in Frankreich, wurde Lizentiat der Rechte und Lektor für Literatur und Jurisprudenz. Zweifelhaft bleibt, ob Rémy zwischen 1548 und 1560 in Toulouse mit Jean Bodin zusammengetroffen ist. 

1570 erhielt Rémys Onkel François Mittart von Charles III die Erlaubnis, seinem Neffen Nicolas sein Amt als Lieutenant général in der Bailliage des Vosges zu übergeben. Bis 1575 residierte Rémy in dieser Funktion in Mirecourt. Bereits am 4. November 1575 ernannte ihn Charles III zum herzoglichen Sekretär und berief ihn nach Nancy. Ein Jahr später wurde Rémy Mitglied im Change , dem obersten Schöffengericht in Lothringen. Fünfzehn Jahre lang blieb Rémy Schöffe von Nancy. Durch die "Lettres patentes" vom 1. Januar 1583 wurde er ebenso wie die anderen Mitglieder des Change von Charles III in den Adelsstand erhoben. Am 1. August 1589 trat er als enger Vertrauter des Herzogs in den Conseil privé ein, blieb aber weiterhin Schöffe im Change . 

Am 24. August 1591 wurde der sechzigjährige Rémy dann zum Nachfolger Georges Maimbourgs als Procureur général de Lorraine berufen. Neben seiner Tätigkeit als 'Generalstaatsanwalt' führte er im Auftrag des Herzogs auch diplomatische Missionen durch. Im Jahre 1599 erhielt er das Recht, sein Amt, das er immer zur vollsten Zufriedenheit des Herzogs erfüllt hatte, so lange auszuüben, wie er es wollte. Als Nachfolger wurde sein erstgeborener Sohn Claude Rémy bestimmt. Nicolas Rémy blieb bis 1606 im Amt; in diesem Jahr erhielt sein Sohn Claude Rémy, den Claude d'Hacourt erst im Jahre 1631 ablösen sollte, die ersten Bezüge aus seiner Amtstätigkeit. Nicolas Rémy starb im April 1612. Sein zweitgeborener Sohn wurde Schöffe im Change von Nancy. 

Als Mitglied im Schöffenkolleg von Nancy und als Procureur général de Lorraine hatte Nicolas Rémy, der gleichzeitig ein enger Vertrauter von Charles III und Henri II war, die Möglichkeit, an höchster Stelle die Rechtsprechung im Herzogtum über einen Zeitraum von mehr als 30 Jahren zu beeinflussen. Auch sein Sohn Claude übte die Aufgaben des Procureur général weitere 25 Jahre lang aus. Damit fällt die Zeit der großen Hexenverfolgungen in Lothringen genau in den Zeitraum der Amtstätigkeit von Nicolas Rémy und seinem Sohn Claude. Charles III, der wiederholt seine Beamten anwies, unbarmherzig gegen die Hexen vorzugehen, und sein Sohn, Kardinal Charles II de Lorraine, gelten als eifrige Hexenverfolger. So ermunterte Charles III Rémy auch, wie der Präsident der Chambre des Comptes , Alix Thierry, in seiner Biographie berichtet, die 1592 verfaßte Dæmonolatria zu veröffentlichen, da er sie für ein Werk von großem öffentlichem Interesse hielt, und er bat Rémy, sie so zusammenzustellen, daß sie möglichst "viele Personen von der großen Gefahr, die von den Hexen rühre", überzeugen könne.

- die Dæmonolatria

In der 1592 verfaßten Dæmonolatriabeschrieb Rémy die zahlreichen Fälle, die er in den Jahren zwischen 1576 und 1591 als Schöffe von Nancy zu richten hatte, und rühmte sich im Titel der Ausgabe der Dæmonolatria von 1595 sogar, in diesen 15 Jahren 900 Hexen auf den Scheiterhaufen gebracht zu haben. Als Beispiele führte er 128 Hexenprozesse aus seiner Amtszeit als Mitglied des Change an.

Die erste lateinische Ausgabe der Dæmonolatria datierte von 1595, also einem Jahr vor dem Erscheinen der Coutumes générales de Lorraine, an deren Herausgabe Rémy ebenfalls mitgearbeitet hat. Rémy widmete sein Werk dem hexengläubigen Kardinal Charles II de Lorraine. 1596 erfolgte ein Druck der Dæmonolatria in Köln, 1597 ein weiterer in Frankfurt; die erste Ausgabe in deutscher Sprache erschien bereits ein Jahr später, ebenfalls in Frankfurt, 1693 wurde eine zweite deutsche Übersetzung gedruckt. Damit erschien die Erstausgabe der Dæmonolatria sechs Jahre nach Peter Binsfelds Tractatus de confessionibus maleficorum et sagarum (1589), 15 Jahre nach der Dæmonomania von Jean Bodin (1580) und unmittelbar nach der ersten großen Prozeßwelle in Lothringen von 1585 bis 1595.

Rémys Beweisführung war in sich schlüssig, er setzte sich mit den Theorien der Dämonologen, vor allem mit den Kirchenvätern, dem Hexenhammer, mit Binsfeld und Bodin auseinander, akzeptierte oder verwarf ihre Ansichten über Schadenzauber, Hexensabbat, Teufelspakt, Teufelsflug und Teufelsbuhlschaft und belegte seine eigenen Ansichten jeweils mit Beispielen aus seiner Praxis als Schöffe von Nancy, dem zahlreiche Akten zur Einsicht übersandt worden waren. Sicher machten die Hexenprozesse in den Jahren seiner Amtstätigkeit einen großen Anteil an den insgesamt dem Change übersandten und zu beurteilenden Strafrechtsprozessen aus. Eben durch diese lebensnahe Darstellung des Phänomens der Hexerei dürfte seinem Werk eine weitaus größere Publikumswirkung zugekommen sein als zum Beispiel dem Hexenhammer. Dafür sprechen auch die zahlreichen Auflagen und die ersten Übersetzungen in die deutsche und französische Sprache noch im 16. Jahrhundert.

In der Dæmonolatria erscheint Rémy als ein eifriger Befürworter der Hexenverfolgung, der die Bedrohung durch die 'Hexensekte' für sehr real hält und deshalb auf der unnachgiebigen Ausrottung der Hexen und Zauberer besteht:

"Zwar scheue ich mich gäntzlich nicht/ meine Meynung hiervon offentlich und ohn einigen Scheu für männiglichen zu bekennen / und mit allem möglichen Fleiß die Warheit an Tag zu legen / als der ich nunmehr so viel Jahr und so lange Zeit her / in dieser Schul / darinnen man die Zauberer und Hexen examinirt / geübet / abgerichtet und bestetiget bin. Nemlich, daß die Hexen und Zauberer ihr Leben in Warheit / mit allerley gottslästerlichen abgöttischen Wesen / mit Zauberey / mit unerhörten erschrecklichen Wercken der Liebe und schändlichen Buhlschafften / mit Schand und Lastern beflecken und besudeln / darumb man ihnen von Rechtswegen allerley / Tormenten und Marter anthun / und sie endlich mit dem Feuer verbrennen soll: Beydes / damit sie mit gebürlicher verdienter Straffe ihre Mißhandlung austilgen / und dann auch damit sie anderen ein Exempel seyen / welche auff solche Weise durch die Schärffe und durch den Ernst der Straffe und ihren gottslästerlichen Wesen abgeschrecket werden."  

Daneben aber zeigt er sich auch in der Dæmonolatria als ein besonnener und abwägender Mann. Nicht immer stimmt er den Ansichten der Dämonologen zu, vor allem dann nicht, wenn seine persönliche Erfahrung gegen deren Auffassung spricht. Zum Problem, ob die Dämonen in der Lage sind, durch Austauschen des männlichen Samens Geburten zu verursachen, äußert sich Rémy zum Beispiel entgegen der in der Kirche verbreiteten Lehrmeinung:

"Und damit ich zu meiner angefangenen Rede wiederumb kehre / so halte ich deren Nennung weit für besser und rechtsmässiger / welche da nicht zugeben / daß die Geister durch Abwechselung des Saamens eine Frucht verursachen können / wiewohl mir nicht unbewust / daß etliche ansehnliche grosse Scribenten darwider sind / welcher Nennung ich nicht kühnlich widersprechen dürffte / so wir allhier von Religions-Sachen handelten / weil es aber keine geistliche Sachen betrifft / und es bey den Patribus disputierlich ist / achte ich daß ich hierin nichts begehe / das einem rechten Christen und Orthodoxo nicht gebühren solt / so ich ohne einigen Scheu und durch rechtmässigen Beweis anzeigte / welcher Opinion ich in diesem fall am meisten wäre zugethan."  

Ausdrücklich besteht er darauf, daß auch die Hexen nur verurteilt werden dürften, sofern ihre Schuld eindeutig erwiesen sei: 

"Aber die wollen wir noch über das nachgeben und sagen / daß solche Ursach nicht genugsam sey / warumb man in so einer schweren und wichtigen Sachen einen peinlichen Proceß und Halßgericht anstellen solle / auch daß es wider die Göttliche und Weltliche Rechte sey / daß / wenn dem gemeinen Mann etwan ohngefehr von einem ungewissen Geschrey her / eine Furcht ankähme / man dasselbe dahin ziehen wolte / als ob man daher eine Gelegenheit haben möchte / einem andern den allerschmählichsten Todt anzuthun. Solcher nachtheiligen Rede und Fürwurffs wird man sich aber mäsigen müssen / weil es sich befinden wird / daß biß anher auch nicht ein eintziger ist bezüchtiget worden / welcher nicht endlich durch seine Mißhandelung / und durch wahrhafftige vollkömmliche Aussage der Zeugen überwiesen sey / und welcher auch zuletzt nicht alles selbsten bekandt / und sich öffentlich schuldig gemacht hätte."  

Natürlich ergibt sich dabei das Problem, daß Rémy nicht bei den Prozeßverfahren anwesend war, sondern jeweils nur Akteneinsicht in laufende Verfahren erhielt und über den weiteren Prozeßverlauf zu befinden hatte. Ihm fehlte die Teilnahme am eigentlichen Prozeß, die ihn vielleicht skeptisch gegenüber den Protokollen und vor allem gegenüber der Folter gemacht hätte. Die Möglichkeit von erpreßten Geständnissen wurde von ihm noch nicht in Erwägung gezogen. 

Die Frage, ob Rémy nun als "ehrenhafter Mann im Sinne seiner Zeitgenossen, durchdrungen vom Bewußtsein der Gefahr, die von der Hexensekte drohte," handelte, wie ihn Leclerc sieht, oder ob er, wie Pfister glaubt, ein "zwar gerechter, aber schlechter Richter war, da ihm die Güte fehlte," oder ob er ein "zwar gebildeter Mann und treuer Diener seines Herzogs, aber trotzdem ein Besessener" war, ist zweitrangig, wichtig dagegen bleibt die Frage, ob er aktiv die Verfolgung der Hexen im Herzogtum Lothringen vorangetrieben und in die laufenden Verfahren zum Schaden der Angeklagten eingegriffen hat. Die herausragende Stellung Rémys als Procureur général muß für die Hexenprozesse relativiert werden, denn nur durch die Zusammenarbeit zwischen den Schöffen von Nancy und dem Procureur général de Lorraine konnten diese entschieden werden. Hinzu kommt, daß auch bei den Schöffen von Nancy eine große Kontinuität unter den Mitgliedern herrschte; über mehrere Jahre hinweg gehörten dieselben Personen diesem Gremium an. Eifrige Befürworter der Hexenverfolgung wie der langjährige Maître échevin Claude Bourgeois, der zudem 1614 die Pratique criminelle verfaßte, hatten fast ebenso große Einflußmöglichkeiten auf den Verlauf der Verfolgungen wie Rémy. Allerdings hatte Nicolas Rémy für drei Jahrzehnte, durch seine 15jährige Mitgliedschaft im Change und seine fünfzehnjährige Tätigkeit als Procureur général , die einzigartige Möglichkeit, begünstigt durch den die Verfolgung befürwortenden Charles III und selbst durchdrungen von dem Bedürfnis, das Land vor dem schädlichen und verwerflichen Treiben der Hexen schützen zu müssen, die Hexenverfolgung voranzutreiben.

Literatur 

Jean Nicolas BEAUPRÉ: Essai historique sur la rédaction officielle des Principales coustumes et sur les assemblées d'États de la Lorraine ducale et du Barrois, accompagné de documents inédits et d'une bibliographie de ces coustumes. Nancy 1845. 

Elisabeth BIESEL: Hexenjagd, Volksmagie und soziale Konflikte im lothringischen Raum. (Trierer Hexenprozesse - Quellen und Darstellungen 3) Trier 1997. 

Jean BOËS (Bearb.): La démonolatrie. Texte établi et traduit à partir de l'édition de 1595. Nancy 1998. 

Robin BRIGGS: Witches & Neighbours. The Social and Cultural Context of European Witchcraft. London 1996. 

Édouard BONVALOT: Histoire du droit et des institutions de la Lorraine et des Trois Évêchés (843-1789). Paris 1895, S. 285-287.  

Claude BOURGEOIS: Recueil du Style a observer es instructions des procedures d'assizes, et Bailliages de Nancy, Vosges & Allemagne. Avec le reglement pour le sallaire des Iuges, Procureurs & autres Ministres de Iustice. Plus l'ordonnance de Son Altesse, sur l'ormologation, tant des Coutumes anciennes & nouvelles que desdicts Style, & Reglement: Avec deffence de n'user d'autres exemplaires que de ceux qu'elle a permis estre Imprimez, nouvellement reveue & corrigez. Nancy, En l'Hostel de Ville Par Iacob Garnich, Imprimeur Iuré ordinaire de Son Altesse. Avec Privilege. Nancy 1614. 

Étienne DELCAMBRE: Le concept de la sorcellerie dans le duché de Lorraine aux 16e et 17e siècles. 3 Bde., Nancy 1948-1951. 

Étienne DELCAMBRE: Les ducs et la noblesse lorraine. In: Annales de l'Est 3, 1952, S. 39-60, 103-119, 191-209. 

Jean-Claude DIEDLER: Démons et sorcières en Lorraine. Le bien et le mal dans les communautés rurales de 1550 à 1660. Paris 1996. 

Lucien DINTZER: Nicolas Rémy et son œuvre démonologique. Lyon 1936. 

Charles et Henri HIEGEL: Le Bailliage d'Allemagne de 1600 à 1632. Bd. 1: L'administration, la justice, les finances et l'organisation militaire. Sarreguemines 1961. 

Eva LABOUVIE: Zauberei und Hexenwerk. Ländlicher Hexenglaube in der frühen Neuzeit. Frankfurt a.M. 1991. 

Laurent LECLERC: Notice sur Nicolas Rémy, Procureur général de Lorraine. In: Mémoire de l'Académie de Stanislas 1868, S. IXL-CXLIII. 

Christian PFISTER: Nicolas Rémy et la sorcellerie en Lorraine à la fin du XVIe siècle. In: Revue historique 93, 1907, S. 225-239. 

Nicolas RÉMY: [Nicolai Remigii] Dæmonolatria, Oder Beschreibung von Zauberern und Zauberinnen. Mit wunderlichen Erzehlungen / vieler natürlichen Fragen und teufelischen Geheimnissen vermischet. Hamburg 1703. 

Charles SADOUL: Essai historique sur les institutions judiciaires des duchés de Lorraine et de Bar. Paris/Nancy 1898. 

 

Siehe auch folgende Artikel:  

Benward, Blaisatte (Prozeßopfer) von Elisabeth Biesel

Change, der, bzw. Schöffen, die, von Nancy von Elisabeth Biesel

Lothringen, Herzogtum - Gerichtspraxis von Elisabeth Biesel

Lothringen, Herzogtum - Hexenverfolgungen von Elisabeth Biesel

Procureur général de Lorraine von Elisabeth Biesel

Empfohlene Zitierweise

Biesel, Elisabeth: Rémy, Nicolas. Aus: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller u. Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/de/persistent/artikel/1670/

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Erstellt: 15.02.2006

Zuletzt geändert: 09.06.2006

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