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Reichard, Elias Caspar  

Dieter Cherubim  

19. Januar 2009  

* 04.11.1714 Quedlinburg, † 18.09.1791 Magdeburg; Lehrer an verschiedenen höheren Schulen (Halle, Magdeburg, Altona), Professor am Collegium Carolinum in Braunschweig, zuletzt Rektor des altstädtischen Gymnasiums in Magdeburg; Latinist, Sprachgelehrter, Aufklärer.  

1. Kurzbiografie

Als Sohn eines Leinendamastwebers musste er zunächst das Handwerk seines Vaters erlernen, ehe er in Halle/Saale am Waisenhausgymnasium eine höhere Schulbildung absolvieren und in Halle und Leipzig Philologie (Humaniora) und Theologie studieren konnte. Wichtige akademische Lehrer waren für ihn Johann Christoph Gottsched (1700-1766) in Leipzig und Siegmund Jacob Baumgarten (1706-1757) in Halle. Nach kurzer Lehrtätigkeit an der Lateinschule des Waisengymnasiums in Halle übernahm er verschiedene Positionen an anderen höheren Bildungsanstalten Norddeutschlands (1739 Lehrer in Klosterberge bei Magdeburg, 1740 Konrektor und Professor am Christianeum in Altona, 1745 ordentlicher Professor am Collegium Carolinum in Braunschweig). Schließlich trat er 1755 die Stelle eines Rektors am Gymnasium der Altstadt in Magdeburg an, wo er bis zu seiner Pensionierung wegen Schwerhörigkeit (1784) bzw. seinem Tod (1791) blieb. Neben seiner Lehrtätigkeit, vor allem in den Fächern Latein, Deutsch, Rhetorik und „Geschichte der Gelahrtheit“, war er als gelehrter Journalist, Schriftsteller und vielseitiger Gelegenheitsdichter aktiv. Er war Mitglied mehrerer sprachkritischer und patriotischer Gesellschaften (so der Deutschen Gesellschaften in Göttingen, Greifswald, Königsberg und Helmstedt sowie der Lateinischen Gesellschaft in Jena) und pflegte intensive Kontakte mit vielen Gelehrten seiner Zeit. Besonders hervorzuheben sind seine Tätigkeit als Übersetzer (vor allem aus dem Englischen, Dänischen und Lateinischen), seine Beiträge zu lexikographischen Projekten und eine Reihe von materialreichen biographisch-kulturhistorischen Studien (bes. 1786). Heute ist er, wenn überhaupt, nur noch als der erste Historiograph der deutschen Grammatik (1747) bekannt. 

2. Sammlung magischer Texte

Für einen pietistisch geschulten, orthodoxen Aufklärer wie Reichard war der Kampf gegen den Aberglauben selbstverständlich und ein wichtiges Anliegen, dem er sich vor allem am Ende seines Lebens intensiver widmete. In dieser Zeit trug er nämlich Geister- und Gespenstergeschichten verschiedener Provenienz zusammen, um ein bereits vorliegendes, “curiöses“ Sammelwerk Eberhard Daniel Haubers (1691-1765) fortzuführen und durch kritische Behandlung zu verbessern. Über diese Sammeltätigkeit Reichards liegt uns zufällig ein Augenzeugenbericht von Heinrich Zschokke (1771-1848) vor. Ihn hatte der bereits wegen seiner Schwerhörigkeit in Pension versetzte Reichard 1784 als Waisenjungen bei sich aufgenommen, damit er als Kostgänger in seinem Hause leben und ihm bei seinen gelehrten Arbeiten helfen sollte. Zschokke, später ein bekannter Literat, Pädagoge und Politiker, hat nun in seiner Autobiographie (1842, S. 21 f.) ein sehr detailliertes Bild von der damaligen Situation im Hause Reichards gezeichnet: 

„Mein alter Rector Emeritus, Elias Kaspar Reichard, bei dem ich wohnte, bekannt als unermüdlicher Übersetzer lateinischer, englischer und dänischer Werke, gestattete mir Zutritt in sein gelehrtes Sanctuarium. Dies war ein weites, halbdunkles, mit wohlgefüllten Büchergestellen umzogenes Zimmer. Hier saß inmitten desselben der harthörige Greis, vom Morgen bis zum Abend am langen, mit Folianten und Oktavbänden belasteten Tische, und ersetzte, durch Beschäftigung mit Gedanken verstorbener Männer, den Verlust des Verkehrs mit Lebenden. Er arbeitete eben damals an seiner Fortsetzung von „Haubers bibliotheca magica zur Tilgung des Aberglaubens“. Doch war der gute Herr, wie ich merkte, selber nicht ganz rein von dem Übel, dem er auf Tod und Leben seinen Krieg machte. Man stäubet nicht leicht etwas aus, ohne dabei selber etwas staubig zu werden. Mich brauchte er zuweilen, als Handlanger, bei seinem gelehrten Werke; bald mußte ich ihm einzelne Stellen übersetzen, bald den Fünftelsaft [Quintessenz] aus verjährten Schmäuchern [Schmökern] ziehen. Ich that es gern. Dafür konnt’ ich nach Herzenslust in den Schätzen seiner Bibliothek schwelgen“.

Die Ergebnisse der Sammeltätigkeit Reichards erschienen in zwei Oktavbänden unter dem Titel „Vermischte Beyträge zur Beförderung einer nähern Einsicht in das gesamte Geisterreich“ (1781, 1788), die insgesamt 67 (d. h. 30 + 37) Stücke unterschiedlichen Typs (Berichte, Briefe, Erörterungen, Gedichte / Balladen, Protokolle, Buchbesprechungen) enthielten. Zielsetzung und Charakter seines Unternehmens beschrieb Reichard selbst wie folgt (Bd. I, Vorbericht, Bl. 6 v ff): 

„Die Einsicht in das gesamte Geisterreich und in die dahinschlagenden Schriftstellen zu befördern; die Lehre von den Engeln überhaupt, und die von dem Teufel und dessen Gewalt und Wirkungen in leiblichen Dingen insonderheit aufzuklären; dem Reiche des Satans, des Unglaubens, des Aberglaubens, der Dunkelheit und Thorheit Abbruch zu thun; die Irrthümer, Vorurtheile und ungegründeten, ja sehr schädlichen Meynungen von Zauberern, Schwarzkünstlern, Teufelsbannern, Hexen, Unholden, Gespenstern, Kobolden, so genannten Besessenen und dergleichen Alfanzereyen zu vermindern, oder, so viel möglich, auszurotten, und, an deren Statt, Wahrheit in Begriffen, Licht im Verstande, Tugend im Herzen, Ruhe und Zuversicht in der Seele und ein vernünftigeres, Gott gefälligeres Christenthum unter den Menschen auszubreiten – das ist der unschuldige und lautere Zweck dieser Beyträge, welchen aufs beste zu erreichen, ich mir auf alle ersinnliche Art angelegen seyn lassen.“  

„Zu dem Ende werden theologische, juristische, medicinische und philosophische Abhandlungen über dergleichen Materien; Nachrichten und Erzehlungen von Zaubereyen, Hexereyen, Geistererscheinungen, Geisterbeschwörungen, Ahndungen, Träumen, teuflichen Besitzungen [d. h. Besessenheiten, D. Ch.], Wunderkuren, Prophezeyungen und seltsamen Begebenheiten, neue Erklärungen, gründliche Betrachtungen und besondere Anmerkungen über verschiedene, die Geister betreffende, Historien und Sprüche der Bibel; gerichtliche und beglaubte Akten von merkwürdigen Zauber- und Hexenprozessen; genaue und vollständige Beschreibungen, nöthigen Auszüge und kritische Beurtheilungen von allerhand ältern und neuen, gedruckten und ungedruckten, raren und gemeinen, grössern und kleinern, doch allezeit nützlichen und erheblichen, hierher gehörigen Büchern und Schriften, auch wohl einige Anekdoten, Lieder und Gedichte den Inhalt dieser Blätter ausmachen […]“. 

Die zeitgenössischen Besprechungen der beiden Bände waren unterschiedlich: Selbst dort, wo in Frage gestellt wurde, ob der Herausgeber sein Ziel damit erreichen könne, wurde das Unternehmen doch generell begrüßt (Berg /Albrecht 2003, Sp. 540 ff.).  

3. Einordnung in den Zeitkontext

Für Reichard wie für andere Aufklärer seiner Zeit war der Un- und Aberglaube, mit denen man sich seit Christian Thomasius (1655-1728) immer wieder auseinandersetzte, vor allem eine Verleugnung der Würde des Menschen als eines vernunftbegabten Wesens und eine Beleidigung der geoffenbarten Religion. Für diese „kritische“ Auseinandersetzung musste man diese Fehlhaltungen aber zunächst in ihren vielfältigen Erscheinungsformen dokumentieren, um sie dann mit guten Argumenten theologischer, philosophischer oder naturwissenschaftlicher Art in Frage stellen oder möglichst ganz aufheben zu können. Dabei waren die Versuche einer Rationalisierung der Phänomene oft selbst nicht ganz frei von abergläubischen Tendenzen (Bausinger 1963, S. 309f.) oder sie liefen sogar Gefahr, gerade weil die entsprechenden Erscheinungen in ihrer ganzen Reichhaltigkeit und Drastik präsentiert wurden, ungewollt noch die Ausbreitung des Aberglaubens zu fördern. Reichard blieb freilich bei einer kritischen Darstellung stehen, eine grundsätzliche Erörterung, wie sie in seiner Umgebung z. B. der Braunschweiger Neologe Johann Friedrich Wilhelm Jerusalem (1709--1789) vornahm (1769, 9. Stück, S. 392 ff.), finden wir bei ihm nicht.

Interessant erscheint auch, wie man in der Praxis mit einzelnen unerklärlichen Erscheinungen umging. Zschokkes Vermutung über die kontraproduktive Wirkung der Bekämpfung des Aberglaubens beim alten Reichard deckt sich mit der Beobachtung, dass selbst einer der bedeutendsten Aufklärer, Voltaire (1694-1778), keineswegs frei von abergläubischen Vorstellungen war. Jerusalem hingegen reagierte gegenüber seinem ehemaligen Lehrer Johann Christoph Gottsched (Danzel 1855, S. 324 ff.) eher unwillig und mit Ironie auf das angebliche Auftreten einer Gespenstererscheinung im Collegium Carolinum (Schikorsky 1989, S. 114ff.), die sich möglicherweise einem Studentenulk verdankte. Von Reichard, dessen orthodoxes Frömmigkeitsstreben sonst gut belegt ist, gibt es zu dieser Geschichte, die sich immerhin zu seiner Zeit am Carolinum (1746/47) ereignete, in den besprochenen Sammlungen zwar keine direkte Äußerung, wohl aber einen Reflex in einer einschlägigen Rezension von ihm (1752, Sp. 586). Dass er jedoch Anzeichen des Aberglaubens dort, wo er sie fand, kritisch aufzuarbeiten bestrebt war, zeigt ein früher Versuch an einem allerdings untauglichen Objekt: 1755 besprach er in einem von ihm selbst mitbetreuten Intelligenzblatt, den „Braunschweigischen Anzeigen“, in philologischer Manier den Text eines (wie er glaubte) alten deutschen Zauberliedes gegen das sog. Quartanfieber, tatsächlich aber eines mittelhochdeutschen Tobiassegens (Müllenhoff / Scherer 1964, S. 290ff.) und warnte in diesem Zusammenhang vor dem Aberglauben, der sich wider Vernunft und Religion richte.

Quellen

Eberhard David Hauber, Bibliotheca, Acta et Scripta magica oder gründliche Nachrichten und Urtheile von solchen Büchern und Handlungen, welche die Macht des Teufels in leiblichen Dingen betreffen, 3 Bde., Lemgo 1738-1745.

Johann Friedrich Wilhelm Jerusalem, Betrachtungen über die vornehmsten Wahrheiten der Religion […], Braunschweig 1769 [Digitale Ausgabe bei Google.Buchsuche].

Elias Caspar Reichard, Versuch einer Historie der deutschen Sprachkunst, Hamburg 1747 (Reprint Hildesheim 1978).

Elias Caspar Reichard, Beytrag zur Lehre von den Gespenstern und Erscheinungen der Geister, in: Braunschweigische Anzeigen 1752, 30. Stück, Sp. 585 – 588; 32. Stück, Sp. 625 – 631; 35. Stück, Sp. 681 – 685.

Elias Caspar Reichard, Ein altes deutsches Zauberlied gegen das Quartanfieber, in: Braunschweigische Anzeigen 1755, 16. Stück, Sp. 321- 326 [Digitale Ausgabe bei Google.Buch].

Elias Caspar Reichard, Vermischte Beyträge zur Beförderung einer nähern Einsicht in das gesamte Geisterreich. Zur Verminderung und Tilgung des Unglaubens und Aberglaubens. Als eine Fortsetzung von D. David Eberhard Haubers Magischen Bibliotheck herausgegeben, 2 Bde., Helmstedt 1781, 1788.

Elias Caspar Reichard, Matthäus und Veit Konrad Schwarz nach ihren merkwürdigsten Lebensumständen und vielfältig abwechselnden Kleidertrachten aus zwey im Herzoglich-Braunschweigischen Kunst- und Naturalienkabinette befindlichen Originalien ausführlich beschrieben und mit Anmerkungen erläutert […]. Ein Beytrag zur Geschichte der Kleidermoden, zur Beförderung der Menschenkunde und zur Kenntniß der deutschen Sprache des 16ten Jahrhunderts, Magdeburg 1786.

Literatur 

Hermann Bausinger, Aufklärung und Aberglaube, in: Deutsche Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 37, 1963, S. 345-362.

Britta Berg / Peter Albrecht (Hg.), Presse der Regionen Braunschweig / Wolfenbüttel, Hildesheim – Goslar. Kommentierte Bibliographie der zeitgenössischen Zeitungen, Zeitschriften, Intelligenzblätter, Kalender und Almanache sowie biographische Hinweise zu Herausgebern, Verlegern, Druckereien und Beiträgern periodischer Schriften bis zum Jahre 1815 (Holger Böning (Hg.), Deutsche Presse. Bibliographische Handbücher zur Geschichte der deutschsprachigen periodischen Presse von den Anfängen bis 1815. Bd. 3. 1 und 2). Stuttgart-Bad Cannstatt 2003, Nr. 273.

Dieter Cherubim, Reichard, in: Horst-Rüdiger Jarck u.a. (Hg.), Braunschweigisches Biographisches Lexikon. 8. bis 18. Jahrhundert, Braunschweig 2006, S. 575-576.

Theodor W. Danzel, Gottsched und seine Zeit. Auszüge aus seinem Briefwechsel […], 2. Ausgabe, Leipzig 1855.

Karl Müllenhoff / Wilhelm Scherer (Hg.), Denkmäler deutscher Poesie und Prosa aus dem 8. bis 12. Jahrhundert, Bd. II, Berlin 41964.

Martin Pott, Aufklärung und Aberglaube. Die deutsche Frühaufklärung im Spiegel ihrer Aberglaubenskritik, Tübingen 1992.

Isa Schikorsky, Gelehrsamkeit und Geselligkeit. Abt Johann Friedrich Wilhelm Jerusalem (1709-1789) in seiner Zeit. Hg. von Klaus Erich Pollmann, Braunschweig 1989.

Johann Heinrich Zschokke, Eine Selbstschau, Erster Theil: Das Schicksal und der Mensch, Aarau 1842 (Nachdruck, bearb. von Rémy Charbon, Bern & Stuttgart 1977).

Empfohlene Zitierweise

Cherubim, Dieter: Reichard, Elias Caspar. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/de/persistent/artikel/6732/

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Erstellt: 20.01.2009

Zuletzt geändert: 24.03.2009

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