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Die Hexenverfolgung im frühneuzeitlichen Herzogtum Preußen

Jacek Wijaczka

9. November 2007 

Gebiet und Bevölkerung 

Kraft des Krakauer Vertrags von 1525 wurde das Ordensland in Preußen säkularisiert und ein neuer weltlicher Staat unter der Herrschaft des ehemaligen Hochmeisters Albrecht von Brandenburg-Ansbach (1490-1568) gegründet. Herzog Albrecht bekam als Lehen das bisherige Gebiet des Ordenslandes verliehen, das circa 32.000 km2 umfasste und um die Mitte des 16. Jahrhunderts wenig besiedelt war. Klima- und Bodenbedingungen erwiesen sich weniger für die Landwirtschaft als für die Viehzucht vorteilhaft.

Anfang des 16. Jahrhunderts lebten hier ungefähr 180.000, im Jahre 1626 hingegen weniger als 360.000 Menschen. Es ist anzunehmen, dass im Jahre 1540 die Mehrheit der im Herzogtum Preußen lebenden Bevölkerung Polnisch sprach und lutherischer Konfession war. Die Bevölkerungszahl des Herzogtums Preußen nahm allmählich, wenn auch langsam zu. Um das Jahr 1655 zählte das Herzogtum circa 500.000, um 1800 dagegen fast 1.000.000 Einwohner.

Dabei soll unterstrichen werden, dass das Herzogtum Preußen in der frühen Neuzeit ein multiethnischer Staat war. In den südöstlichen Amtskreisen des Herzogtums lebten nebeneinander Prussen, Litauer, Deutsche, Polen und Russen, daneben kleinere Gruppen von Holländern, Engländern und Schottenn sowie (im 16. Jahrhundert) Tschechen. Migrationen der Ansiedler aus Deutschland, Polen und Litauen führten Anfang des 17. Jahrhunderts dazu, dass sich quasi drei ethnisch unterschiedliche Regionen herausgebildet haben, als deren Charakteristikum  die von den meisten Einwohnern jeweils gebrauchte Sprache galt: Deutsch – Oberland und Samland, Polnisch – Masuren und südliches Ermland, Litauisch – Preußisch-Litauen.

Verwaltungsstruktur und politische Verfassung 

Das Herzogtum Preußen war in drei Kreise eingeteilt: Samland (Hauptstadt: Königsberg), Natangia (Bartenstein) und  Oberland (Saalfeld).

Die Ämter wurden durch die  Person des Amthauptmannes verwaltet, der persönlich für den Stand des Amtes wie auch des von ihm verwalteten Gebiets haftete. Die Fläche der Ämter schwankte im Schnitt zwischen 14 bis 20 km2. Als die unterste Administrationsstufe fungierten theoretisch Städte und Dorfgemeinden mit bzw. ohne eigene Verwaltung, abhängig vom Recht mit dem eine Siedlung gegründet worden war. Die Verwaltungsstruktur des Herzogtums überdauerte bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts.

Die Säkularisierung des Ordenslandes im Jahre 1525 führte zur Entstehung des ersten lutherischen Staates. Hier galt ein politisches System, welches von den in den übrigen Provinzen der Hohenzollern herrschenden Verhältnissen abwich. Die Macht der Herzöge war hier nämlich wegen der polnischen Lehensabhängigkeit sowie der Ständeprivilegien bedeutend eingeschränkt. Ab Mitte des 16. Jahrhunderts gründete die Verwaltung des Herzogtums auf der Mitregierung des Herzogs und der Stände. In der Wirklichkeit jedoch herrschte im Land die Ständeoligarchie, der es bereits damals gelang, Kontrolle über die Staatsadministration zu übernehmen.

Das oberste Organ der Vollzugsgewalt war die herzogliche Oberratsstube, später die Preussische Regierung genannt. Ins Leben gerufen wurde sie im Jahre 1526 und ihre Kompetenz bestimmte die Regimentsnottel von 1542. Dieses Gesetz galt im Herzogtum Preußen bis 1712. An der Spitze der preußischen Regierung stand ein Kolleg der vier Oberräte, die auch den Titel der Regenten führten.

Die neben dem Kolleg der Oberräte zweite Ständeinstanz, welche den größten Einfluss auf das politische Leben des Herzogtums ausübte, war der Landtag. Er bestand aus zwei Ständen - dem Adel und den Bürgern - und zerfiel in drei Kurien. Der brandenburgische Kurfürst Friedrich Wilhelm, der das Herzogtum Preußen 1641 als Lehen übernahm, strebte eine Vereinigung der seiner Obrigkeit unterstehenden Länder an und scheute im Zusammenhang damit keine Mühe, um sich die preußischen Ständeinstitutionen zu unterzuordnen. Den preußischen Ständen gelang es jedoch, ihre Souveränität zu wahren.

Recht 

Im Jahre 1233 verlieh Hermann von Salza, der Hochmeister des Deutschen Ordens, der Stadt Kulm und Thorn das Kulmer Privileg, kraft dessen für die Stadtgerichte des Kulmer Landes das Magdeburger Recht galt, welches in Kürze auch in ganz Preußen in Kraft trat. Bald setzte eine systematische Rezeption des Magdeburger-Breslauer Schöffengerichts aus Schlesien ein, welches im preußischen Gebiet unter dem Namen „Alt Kulm” bekannt wurde.  

Nach 1525 galt also im Herzogtum der „Alte Kulm” und obwohl uns keine die Carolina einführende Urkunde bekannt ist, richtete man sich während der Prozesse weitgehend gerade nach den darin beschriebenen Empfehlungen, unter anderem etwa in Bezug auf die Folter.

Hexenprozesse 

Unbestritten ist, dass im Ordensland Hexenprozesse stattgefunden haben. Aus der Zeit vor 1525 wissen wir um zwei Prozesse, die in Braunsberg (Braniewo) geführt wurden. Im Jahre 1447 bzw. 1448 ist eine gewisse Wartenbergin der Zauberei angeklagt und 18 Wochen lang gefangen gehalten worden. Letztendlich bestrafte man sie mit Verbannung sowie dem Verbot, sich näher als in Zwei-Meilen- Entfernung von der Pfarre niederzulassen. 1504 klagte Simon Wynnenpennig die Gattin des Brosien (Ambrosius) Raff an, mit Hilfe irgendwelcher Praktiken eine Krankheit über seine Frau gebracht zu haben. Die Parteien wurden aufgefordert, sich bei Strafe von 50 Pönale zu versöhnen.

Ein Jahr vor der Säkularisierung des Ordenslandes in Preußen, genau 1524, wurde  auf dem Scheiterhaufen in Königsberg eine Frau verbrannt, die angeblich mit Hilfe von Zauberei über die Frau des Königsberger Bürgers und gleichzeitig weltlichen Rats des Hochmeisters, Bartholemäus Götz, eine Krankheit gebracht haben sollte. Götz  war in den Jahren 1526-1528 und 1531 der Bürgermeister von Altstadt. Er stammte aus Hessen und ließ sich 1521 in Königsberg nieder. Der Humanist kannte aus seiner Heimat Hessen vermutlich Vorstellungen von Hexerei, Teufelspakt sowie Hexensabbat und übertrug sie auf die hiesigen Geschehnisse. Die von ihm angeklagte Frau wurde am 5. Juni 1524 auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Dies galt in Königsberg als die erste Hinrichtung der angeblichen Hexe.

Auch die Einführung des lutherischen Bekenntnisses mit der Reformation, änderte im Herzogtum Preußen nichts an der Fortexistenz volksmagischer Vorstellungen von Zauberei. Solche Vorstellungen waren tief in populäre Verhaltensweisen und Praktiken verankert und bildeten ein Konglomerat aus naturreligiösen und christlichen Elementen. Am 6. Juli 1525 erließ Herzog Albrecht ein Reformationsmandat, in dem er u. a. den herzoglichen Beamten ans Herz legt, auf jegliche abergläubischen Lehren, Götzenglauben und Zauberpraktiken besonders aufmerksam zu reagieren. Die Landesordnung von 1525 r. (1526 im Druck erschienen) gab offen zu, dass die Zauberei im Herzogtum Preußen weit verbreitet sei: „Da in unserem Lande ein allgemeiner Glaube an Zauberei herrscht und insbesondere in Samland Steinbockverehrung getrieben wird, befehlen wir unseren Beamten wie auch dem Adel, den Stadträten sowie den Ältesten von Stadt und Land, acht darauf zu geben, und sollen sie auch einen finden, sei es Mann oder Frau, welcher sich mit der Zauberei abgibt oder dem Steinbock huldigt, so haben sie uns unverzüglich in Kenntnis darüber zu setzen, und soll irgendwo jemand diesen Artikel umgehen, der gilt rechtsmäßig gestraft”.

Dieser Beschluss fand ebenfalls Eingang in die späteren Landesordnungen von 1577 und 1640. Hingegen lesen wir in dem am 20. September 1540 erlassenen Artikel, welcher der Wahl, dem Unterhalt und der Visitation von Pastoren galt, vor allem: „es söllen alle zauberei, sortilegia und aberglauben ufs neue in itziger visitation allenthalben verboten werden, bei vormeidung harter und peonlicher strafe, nach vermöge der lands ordnung”.  Am 24. November 1541 ließ Herzog Albrecht eine Verordnung gegen volksmagische Praktiken in Kraft treten.

Der erste uns bekannte, im weltlichen Herzogtum Preußen wegen Hexerei geführte Prozess fand 1534 statt. Es war die Gerichtsverhandlung gegen Katharina, Gattin des Wenzels aus dem Dorf Romankowo (Romsdorf, Amt Bartenstein/Bartoszyce). Das letzte Gerichtverfahren fand am 23. Januar 1788 in Schönberg seinen Anfang. Christina Wróbel aus Herzogswalde verklagte vor dem dortigen Stadtgericht die Familie Willkomm Injurienhalber wegen der ihr verleumderisch zugeschriebenen Hexerei. Es ist unbekannt, wie der Fall entschieden wurde.

Insgesamt befanden die Gerichte des Herzogtums Preußen in 359 uns bisher bekannten Hexenprozessen wenigstens über 511 Frauen und Männer, von denen 164 Personen, 148 Frauen und 16 Männer (circa 32 % der Angeklagten), verbrannt und geköpft wurden.

Im 16. Jahrhundert fanden 64 Prozesse, im 17. Jahrhundert 281 und im 18. Jahrhundert nur noch 14 statt. Die meisten davon fanden im Herzogtum Preußen vor den Stadtgerichten in Preussisch Holland (Pasłęk - 25) und Neidenburg (Nidzica - 23) statt.

Alle in Hexenprozessen von Gerichten niedrigerer Instanz gefällten Urteile mussten samt den Prozessakten an das Hofgericht versandt werden. Auch die Folterung musste vom selben Gericht bewilligt worden sein, ansonsten kam ein solcher Akt einem Rechtsmissbrauch gleich. In Königsberg wurden die Prozessakten gesichtet, auf die Richtigkeit der Gerichtsprozedur hin geprüft, folglich das Urteil erwogen, bestätigt oder auch geändert. Erst dann durfte das Urteil vollstreckt werden.

Über die Kenntnis des dämonologischen Schrifttums und der mit  Hexenprozessen verbundenen Literatur im Herzogtum Preußen wissen wir nur wenig. In den Prozessakten stoßen wir nur ein einziges Mal auf eine Notiz (1611), die darauf hinweist, dass derartige Literatur im Herzogtum geläufig war; man kannte im Herzogtum die Arbeiten von Jean Bodin (1530-1596) und dem Juristen Jost Damhouder (1507-1581). Im ersten Fall geht es um die Studie De la dèmonomanie des sorciers, erschienen 1580 in Paris, die bereits ein Jahr später ins Deutsche übersetzt und herausgegeben wurde. Im Falle Damhouders meinte der preußische Kanzler wohl dessen Arbeit Praxis rerum criminalium (1562) oder auch eine ihrer deutschen Übersetzungen. Wir wissen bisher nicht, ob man im Herzogtum Preußen andere, der Hexerei und den Hexen gewidmete Arbeiten kannte.

Ähnlich wie in den Ländern Westeuropas wurde das Wissen über die Hexerei  auch unter den Einwohnern des Herzogtums Preußen in populärer Form von Geistlichen, welcher Konfession auch immer, verbreitet. Wissen über und um Hexerei wurde über Predigten unter die Leute gebracht. An dieser Stelle sei erwähnt, dass die Elementarbildung im Herzogtum Preußen in der frühen Neuzeit (trotz der Bemühungen des Markgrafen Albrecht und des Markgraphen Georg Friedrich) recht unterentwickelt blieb und auf keinem hohen Niveau stand; dennoch konnte sie mit anderen Gebieten des Reichs konkurrieren.

Die erste und gleichzeitig im Herzogtum Preußen einzige Universität wurde 1544 vom Herzog Albrecht gegründet. Wir wissen nicht viel über die Beteiligung der Juristenfakultät der Universität zu Königsberg an den im Herzogtum Preußen geführten Hexenprozessen. Informationen darüber stammen erst aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. So wurde die Juristenfakultät Königsberg im Oktober 1674 über einen Hexenprozess in Kaltwangen angerufen, eine weitere Belehrung ist aus dem Jahr 1706 bekannt.  

Es ist ein Fakt, dass die meisten der Hexereianklagen im Herzogtum Preußen der frühen Neuzeit den dörflichen Kreisen und der nächsten Nachbarschaft entstammten.

 

Tabelle 1: Hexenprozesse im Herzogtum Preußen (Brandenburgischen Preußen) im 16.-18. Jahrhundert 

Jahrzehnte 

Zahl der Hexenprozessen 

1531-1540 

1541-1550 

1551-1560 

1561-1570 

1571-1580 

14 

1581-1590 

1591-1600 

20 

Wiek XVI 

1601-1610 

16 

1611-1620 

52 

1621-1630 

11 

1631-1640 

1641-1650 

1651-1660 

12 

1661-1670 

1671-1680 

77 

1681-1690 

74 

1691-1700 

22 

Wiek XVII 

1701-1710 

1711-1720 

1721-1730 

1731-1740 

1741-1750 

1751-1760 

1761-1770 

1771-1780 

1781-1790 

1791-1800 

Summe 

359 

 

Literatur 

Heide WUNDER, Hexenprozesse im Herzogtum Preussen während des 16. Jahrhunderts, in: Christian DEGN / Hartmut LEHMANN / Dagmar UNVERHAU (Hg.) Hexenprozesse: deutsche und skandinavische Beiträge, Neumünster 1983, S. 179-203. 

Jacek WIJACZKA, Procesy o czary w Prusach Książęcych (Brandenburskich) w XVI-XVIII wieku, Toruń 2007. 

Empfohlene Zitierweise

Wijaczka, Jacek: Preußen, Hexenverfolgungen. In: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/de/persistent/artikel/5575/

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Erstellt: 06.11.2007

Zuletzt geändert: 06.11.2007

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