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Praetorius, Antonius 

Jürgen Michael Schmidt  

22.01.01 - überarbeitet am 20.02.01  

geb. 1560 in Lippstadt (Kondominium der Grafschaften Lippe und Mark [Jülich-Kleve-Berg]), gest. 6.12.1613 in Laudenbach (Fürstbistum Worms/Kurpfalz) 

Reformierter Pfarrer, Gegner der Hexenverfolgung, einer der ersten in Deutschland, der kompromißlos die Abschaffung der Folter forderte 

Vor allem in der ersten Lebenshälfte von Praetorius ist biographisch noch vieles ungeklärt. Wie Johannes Weyer und Hermann Witekind stammte Praetorius aus Westfalen; geboren wurde er 1560 in Lippstadt, wo er mindestens bis 1573 weilte. Vielleicht hielt er sich danach eine zeitlang in Danzig auf, dann sicher wieder in der Grafschaft Mark, zunächst in Unna. Seit 1581 Lehrer, ist er 1586 als Rektor der Lateinschule in Kamen belegt. 1589 tauchte der reformierte Theologe als Diakon in der kurpfälzischen Oberamtsstadt Oppenheim auf. 1592 wurde er Pfarrer in der kurpfälzischen Gemeinde Dittelsheim, deren Ortsherrschaft zur Hälfte bei Nassau lag. 1595 wechselte Praetorius nach Offenbach am Main in die Grafschaft Isenburg-Büdingen. Von 1596 bis 1598 hatte er die Stelle eines Hofpredigers in Birstein (Isenburg-Birstein) inne. 1598 kehrte er endgültig in das kurpfälzische Umfeld zurück und wurde Pfarrer in Laudenbach, wo er 1613 starb. Die Landeshoheit über Laudenbach war zwischen der Kurpfalz und dem Bistum Worms umstritten, der Pfarrer gehörte jedoch zur reformierten Kirche der Kurpfalz. Praetorius - obwohl selbst in offensichtlich widrigen Verhältnissen aufgewachsen und bald von langwieriger Krankheit geplagt - überlebte eine Verlobte und drei Ehefrauen. Er hatte 11 Kinder, von denen nur sein Sohn Johannes ein höheres Alter erreichte. Aber auch Johannes starb noch vor dem Vater. In seinem Nachruf wird Praetorius als mildtätiger, glaubenseifriger, doch wohl auch überaus cholerischer und seiner Gemeinde gegenüber strenger Pfarrer charakterisiert - eine Einschätzung, denen seine Selbstzeugnisse nicht unbedingt widersprechen.  

Im Jahre 1598 veröffentlichte Praetorius unter dem Namen seines Sohnes Johannes Scultetus ein in deutscher Sprache verfaßtes Buch, mit dem er sich gegen die Hexenverfolgung wandte: »Von Zauberey und Zauberern Gründlicher Bericht«. Das schnell vergriffene Buch erlebte 1602 und 1613 - jetzt unter dem richtigen Namen Anton Praetorius veröffentlicht - zwei neue, überarbeitete Auflagen sowie einen Nachdruck 1629. Da der Nachdruck von 1629 auf die Auflage von 1602 zurückgeht, ist die in Heidelberg erschienene Auflage von 1613 als die Ausgabe letzter Hand heranzuziehen. 

Anlaß zur Abfassung seines Buches waren die Greuel der Hexenverfolgung, die Praetorius selbst miterlebt hatte. Nachdem er bereits in Lippstadt und später auch im Dalbergischen Herrnsheim Zeuge von Hexenverbrennungen geworden war, konfrontierte ihn 1597 seine Stellung als Hofprediger in Birstein direkt mit den Prozessen gegen vier als Hexen angeklagte Frauen. Eine der Frauen erhängte sich im Gefängnis, zwei starben in der Folter, bei der vierten konnte Praetorius, der rabiat in die Folterkammer eindrang, zwar durch seine energische persönliche Intervention die Freilassung erreichen, doch starb auch diese Frau schließlich an den Folgen von Folter und Haft (nur im Detail gibt es Unterschiede zwischen der Fallschilderung bei Praetorius und der in den Akten: Niess, S. 72ff.). Unmittelbar nach diesem Erlebnis verfaßte der erschütterte Praetorius sein Buch gegen die Hexenprozesse und wechselte in die Dienste der verfolgungsablehnenden Kurpfalz zurück. 

Praetorius gehörte zu den Skeptikern des Hexenglaubens, die nicht nur die Verfahrenspraxis der Hexenverfolgung kritisierten, sondern überhaupt die Realität des Hexereideliktes bestritten. Er war sehr belesen und kannte die einschlägigen Werke zum Thema, sowohl von Gegnern als auch von Befürwortern der Hexenverfolgung. Als seine wichtigsten Vordenker nennt er Benedikt Pererius, Johann Georg Godelmann, Otto Melander und besondes den Kurpfälzer Hermann Witekind, den er so genau kennt, daß er dessen Pseudonym reichsweit lüften kann. Praetorius scheint nicht nur über Witekinds Buch, sondern auch durch seine langjährigen Dienste in der Kurpfalz von der verfolgungsablehnenden kurpfälzischen Haltung beeinflußt gewesen zu sein. Die Ausgabe von 1613 widmet er einer stattlichen Anzahl von Kollegen und Freunden in der kurpfälzischen Landeskirche, von denen er weiß, daß sie in der Hexenfrage eine ähnliche Haltung wie er selbst einnehmen. Er erscheint also in dieser späten Ausgabe keineswegs als Einzelkämpfer in der kurpfälzischen Kirche. 

Trotz seiner genauen Kenntnis des zeitgenössischen Hexereidiskurses geht Praetorius in seinem Buch allerdings nur selten ausführlicher auf diesen ein, sondern gründet seine Argumente in der exegetischen Manier des reformierten Theologen fast vollständig auf die Bibel. Auch das weltliche Recht muß sich daran messen: Dies wird an der Carolina besonders deutlich, auf die sich Praetorius oft und gerne beruft, die er hoch schätzt, von der er aber auch einige wesentliche Artikel als unchristlich und reformbedürftig ablehnt. Was die Auslegung der Bibel angeht, dürften nur wenige Autoren der Hexenliteratur so viele Belegstellen genauestens angeführt und diskutiert haben wie Praetorius.

Wie für die anderen Skeptiker, ist auch für Praetorius die theozentrische Sicht bestimmend: Gott ist allmächtig, nur er kann über die Gesetze der Natur hinaus in die Schöpfung eingreifen. Weder der Teufel noch die Zauberer haben irgendeine über ihre Natur hinausgehende physische Macht, sondern sind den Naturgesetzen unterworfen. Ausschließlich auf den ausdrücklichen Befehl Gottes, dessen Henker er ist, vermag der Teufel als Geist physisch etwas zu bewirken. Dies geschieht dann aber im Rahmen der göttlichen Weltordnung und ist von Gott so gewollt. Damit kann Zauberei nicht eigentlich existieren, weil sie »uber menschlich Vermögen und wider die natürliche Ordnung Gottes ist« (1613, S. 6). Ebenso unmöglich sind andere Akte wider die Natur: die Verwandlung von Zauberern in Tiergestalten und die drei Elemente, die nach Praetorius die Hexerei im engeren Sinne definieren: der Hexenflug, die Teilnahme am Hexentanz und die Teufelsbuhlschaft. Bei diesen Erscheinungen handelt es sich (Weyer und Witekind folgend) um vom Teufel erzeugte Phantasien. Praetorius stützt sich hier nicht nur auf die Bibel, sondern lehnt sich ganz an Witekinds rationale, empirische Argumentation an. Nur noch den Einsatz von Gift läßt Praetorius als tatsächlich mögliches schadenstiftendes Delikt von Zauberern bestehen, warnt aber die Leser, daß die allermeisten Krankheiten ohne fremdes Zutun entstünden und man andere Menschen besser nicht beschuldigen solle, Krankheiten durch Gift verursacht zu haben. 

Somit bleibt vom Zaubereidelikt der spirituelle Kern - der Abfall von Gott und der Pakt mit dem Teufel - übrig. Dieser Tat sind nach Praetorius alle Zauberer schuldig, sie sind Diener und Werkzeuge des Teufels, ihre Tat ist die schrecklichste Sünde. Dieser Sünde machen sich allerdings auch schon diejenigen schuldig, die wider Gottes Allmacht an die Möglichkeiten der Magie nur glauben, selbst wenn sie diese nicht aktiv betreiben. Die Zauberei wird von Gott, wenn sich der Sünder nicht bekehrt, mit der ewigen Verdammnis bestraft. In diesem Punkt ist der Pfarrer unerbittlich. Die Bestrafung durch Gott rechtfertigt nach Praetorius aber noch nicht die Todesstrafe durch die weltliche Justiz. Im Gegensatz zu Witekind, der den leichteren Weg der Argumentation über das Neue Testament geht, kämpft Praetorius vor allem auf der Basis des Alten Testaments gegen die Hexenverbrennung. Wo Witekind erklärt, daß die Mosaischen Gesetze mit ihrer Todesstrafe für Zauberei und Ketzerei durch das Neue Testament aufgehoben worden seien, hält Praetorius an deren ewiger Gültigkeit fest. Er betont jedoch mit Weyer, daß sich die Todesstrafe in Exodus 22,18 nicht streng und unterschiedslos gegen alle Arten von Zauberern richte, sondern wohl nur gegen die Giftmörder, und auf jeden Fall bereits durch das Alte Testament relativiert worden sei: Beim spirituellen Verbrechen nämlich habe der Sünder durch Reue und Buße die Möglichkeit, den Weg zu Gott zurückfinden. Dann wolle Gott seine leibliche Vernichtung nicht mehr. Die Zauberei ist (anders als bei Witekind) als Abfall von Gott zwar grundsätzlich immer durch die Justiz zu strafen, doch im Falle der Bekehrung nicht mit der Todesstrafe. So gibt es ein hierarchisches Strafsystem bei Praetorius: Todesstrafe nur noch für Giftmörder; Geldstrafe, Prügelstrafe oder Pranger für die Bußfertigen. Die Unbußfertigen, die niemanden beschädigt haben, sollen geprügelt und des Landes verwiesen werden. Damit hat Praetorius ein vergleichsweise mildes Strafmaß für Zauberei festgesetzt, das jede größere Hinrichtungstätigkeit unmöglich machen muß. Er betont allerdings noch, daß dies nur das ideale Strafsystem nach den Prinzipien des alttestamentlichen Gottesstaats sei. Der moderne Staat dürfe sich jedoch bei der Zaubererverfolgung überhaupt nicht mehr auf Gott berufen. Denn es gehe nicht an, daß man nur bei der Hexenverfolgung heuchlerisch auf die mosaischen Gesetze rekurriere, diese sonst aber keineswegs befolge. Gottes Wort kann nach Praetorius nur ganz oder gar nicht gelten.  

Schließlich ist er, wie die meisten anderen Skeptiker auch, der Ansicht, daß es viel besser sei, vor Zauberei und Hexerei nicht im nachhinein durch Strafprozesse abzuschrecken, sondern ihr präventiv durch eine Wiederherstellung wahren christlichen Glaubens und Verhaltens im Volk zu begegnen. Diesbezüglich redet er einer Sozialdisziplinierung konfessioneller Prägung das Wort, die sich zwar gegen Hinrichtungen ausspricht, den missionarischen Kampf gegen den magischen Volksglauben mit anderen Mitteln aber umso lauter fordert. 

Im wichtigen Punkt des Verfahrensrechts vertritt Praetorius, von seinen furchtbaren Erlebnissen geprägt, die verfolgungshemmende Position einer ordentlichen Prozeßführung. Die crimen exceptum- Theorie lehnt er ab, stattdessen fordert er ein besonders vorsichtiges Vorgehen im Hexereidelikt, da hier der Verdacht meist Unschuldige treffe. Eine korrekte Prozeßführung beginnt bei humanen Haftbedingungen - Praetorius´ kritische Schilderung der tatächlich oftmals unmenschlichen frühneuzeitlichen Gefängnissituation hat für die Strafrechtsgeschichte beinahe schon die Qualität eines locus classicus.

Die Vorsicht, zu der Praetorius bei der Indizienerhebung auffordert, ist eher konventionell (die Suche nach dem Teufelsmal und die Wasserprobe lehnt er hierbei ab). Auch daß er Anklagen wegen Wetterzauber, Hexenflug, Hexentanz und Teufelsbuhlschaft, weil diese nicht möglich seien, erst gar nicht zulassen will, ist für einen Skeptiker nicht ungewöhnlich. Revolutionär neu im Hexereidiskurs und im Grunde die zentrale und originellste Stelle im ganzen Werk ist dagegen die Stellungnahme zur Folter: Die Folter lehnt Praetorius als unchristlich und für die Wahrheitsfindung unbrauchbar ab und fordert gerade aufgrund der Erfahrungen der Hexenverfolgung ihre umgehende Abschaffung im europäischen Strafprozeß! Zwar waren Praetorius´ Vorgänger, wie vor allem Hermann Witekind, der Folter bereits mit ähnlichen Argumenten äußerst kritisch entgegengetreten; die allen damaligen Gesetzen widersprechende Abschaffung hatten sie in dieser Radikalität aber nicht gefordert. Damit hat sich Praetorius einen wichtigen Platz in der deutschen Strafrechtsgeschichte gesichert, selbst wenn er der freien Beweiswürdigung als Ersatz für die Folter noch nicht direkt das Wort redet und es seinem Plädoyer deshalb in diesem Punkt deutlich an Kraft mangelt. 

Schließlich bleibt noch zu erwähnen, daß Praetorius im Gegensatz zur Hexenliteratur seiner Zeit und auch zu seinen Vordenkern die Geschlechterfrage mit einer leicht proweiblichen Konnotation fast völlig ausklammert. Nirgendwo behauptet er, daß das weibliche Geschlecht für die Zauberei anfälliger sei als das männliche. Stattdessen spricht er ganz überwiegend in der männlichen Form von Zauberern. Seinem historischen Überblick kann man sogar entnehmen, daß die weiblichen Zauberer in der Geschichte erst später als die männlichen Zauberer aufgetreten seien.  

Digitalisierte Werke (Schlüsselseiten)

Von Zauberey und Zauberern Gründlicher Bericht Heidelberg 1613 BSB Mor. 756 

Quellen 

ARCHIV DER STADT KAMEN (NRW): Perg.-Urk. 300a; Archiv Haus Reck Urk. 303  

Antonius PRAETORIUS, Von Zauberey und Zauberern Gründlicher Bericht. Darinn der grawsamen Menschen thöriges/feindseliges/schändliches vornemmen: Und wie Christliche Oberkeit in rechter Amptspflege ihnen begegnen/ihr Werck straffen/auffheben/ und hinderen solle/ und könne [...], Heidelberg 1613 

Reinhard WOLF (Guolfius), Christliche Leichpredigt. Bey der Begräbnuß deß Ehrwürdigen Wolgelehrten Herren Antonii Praetorii Lippiano-Westphali, gewesenen Pfarrers zu Laudenbach an der Bergstrassen gehalten den 8. Decembris 1613, Heidelberg 1614. 

Literatur 

Jürgen Michael SCHMIDT, Glaube und Skepsis. Die Kurpfalz und die abendländische Hexenverfolgung 1446-1685 (Hexenforschung, Bd. 5), Bielefeld 2000 

Rainer KARNETH, Hexen, Hexenverfolgung und ein vermeintlicher Alzeyer Kritiker - Antonius Praetorius, in: Alzeyer Geschichtsblätter 30 (1997), S. 37-76 

Karl-Friedrich ULRICHS, Praetorius, Anton, in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Bd. 7 (1994), Sp. 906-907 (überarbeitete Version vom 10.02.1999 online, ebd., Verlag Traugott Bautz, 16.11.2000 ) 

Lène DRESEN-COENDERS, Antonius Praetorius, in: Vom Unfug des Hexen-Processes. Gegner der Hexenverfolgung von Johann Weyer bis Friedrich Spee, hrsg. von Hartmut LEHMANN und Otto ULBRICHT (Wolfenbütteler Forschungen, Bd. 55), Wiesbaden 1992, S. 129-137 

Gerd SCHWERHOFF, Rationalität im Wahn, Zum gelehrten Diskurs über die Hexen in der frühen Neuzeit, in: Saeculum 37 (1986), S. 45-82 

Nikolaus PAULUS, Hexenwahn und Hexenprozeß vornehmlich im 16. Jahrhundert, Freiburg 1910, S. 183-194 

Walter NIESS, Hexenprozesse in der Grafschaft Büdingen, Protokolle, Ursachen, Hintergründe, 2. Aufl. Büdingen 1982, S. 72-78. 

Der Artikel verdankt wichtige biographische Hinweise der Mailingliste "Hexenforschung" , insbesondere Herrn Dr. Klaus Graf (Freiburg) und der Initiative von Herrn Hartmut Hegeler (Unna). Auf Anfrage von Herrn Hegeler haben die Stadtarchive von Unna und Kamen weitergehende Forschungen unternommen, deren erste Ergebnisse hier bereits eingehen konnten. 

Jürgen Michael Schmidt 

 

Siehe auch folgende Artikel:  

Witekind, Hermann (Pseud.: Augustin Lercheimer) von Jürgen Michael Schmidt

 

Empfohlene Zitierweise

Schmidt, Jürgen Michael: Praetorius, Antonius. Aus: Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller u. Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/de/persistent/artikel/1663/

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Erstellt: 15.02.2006

Zuletzt geändert: 09.06.2006

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