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Kurzbiogramm - Chénier
André Marie Chénier; * 29.10.1762 Galata bei Konstantinopel; 27.7.1794 Paris (hingerichtet).
Publizist und Dichter
André Chénier wird Ende 1762 als dritter Sohn des französischen Kaufmanns Louis Chénier (1723-1796) geboren. Nach dem Besuch der Schule in Carcassonne und des Pariser Collège de Navarre wird er 1782 als Cadet gentilhomme in das Straßburger Infanterieregiment Angoumois aufgenommen, obwohl er bürgerlicher Abstammung ist. Als die Beförderung zum Sous-Lieutenant ausbleibt, verlässt Chénier das Regiment schon nach einem Jahr und führt im Kreise seiner Freunde, zu denen der Maler David (1748-1825) gehört, ein genussorientiertes Leben. 1784 unternimmt er eine Reise in die Schweiz und hält sich später in Italien auf. Von 1787 bis 1790 lebt Chénier in London als Privatsekretär des französischen Botschafters Comte de La Luzerne. Dort beschäftigt er sich mit der englischen Literatur und studiert die Werke Shakespeares (1564-1616) und John Miltons (1608-1674).
Chéniers Vorbilder sind die griechische und römische Lyrik eines Theokrit (310-250 v.Chr.), Lukrez (97-55 v.Chr.) und Vergil (70-19 v.Chr.), sowie die französischen Dichter Pierre de Ronsard (1524-1585), François de Malherbe (1555-1628) und Ponce Denis Le Brun (1729-1807). Der antikisierende Stil Chéniers ist nicht auf den Einfluß der Mutter zurückzuführen, sondern vielmehr ein Akt bewusster künstlerischer Gestaltung. Die Antike sieht Chénier als Zeit an, in der Himmel und Erde noch nicht voneinander geschieden sind. Chéniers Werk bleibt allerdings nicht rein retrospektiv-verklärend, sondern steht in der Spannung zwischen einem elegischen Rückblick auf das vergangene goldene Zeitalter und dem Fortschrittsoptimismus der Aufklärung. Der fragmentarische Charakter von Chéniers Werk korrespondiert so dem immanent angelegten Gegensatz zwischen Arkadien und Utopie.
1790 kehrt Chénier nach Paris zurück und schließt sich der gemäßigten "Société de 89" an. Das von Chénier 1790 verfasste Manifest dieser Vereinigung, "Avis aux Français sur leurs véritables ennemis", wird später auf Veranlassung des polnischen Königs Stanislaus II. Poniatowski (1732-1798) ins Polnische übersetzt. Chéniers Begeisterung über die erste Phase der Revolution zeigt sich in dem 1791 publizierten "Dithyrambe sur le Jeu de Paume". Artikel Chéniers, die für eine konstitutionelle Monarchie plädieren, erscheinen im "Journal de Paris". Dort wird auch die "Hymne sur l´entrée triomphale de les Suisses révoltés" veröffentlicht, die sich gegen den festlichen Empfang von 45 Schweizer Soldaten des Regiments Châteauvieux ausspricht, die nach einer Meuterei zum Galeerendienst verurteilt, dann aber amnestiert worden sind. Die Jakobiner, zu denen auch Andrés jüngerer Bruder Marie-Joseph (1764-1811) zählt, sehen Chénier als Gegner der Republik, da er im Dienst eines antirevolutionären Diplomaten gestanden und Beiträge für ein konterrevolutionäres Organ verfasst hat. Hinzu kommt, dass Chénier seine Korrespondenz mit britischen Partnern fortsetzt. Dies führt dazu, das er 1792 als "aristocrate", "courtisan", "autrichien" und "ennemi du peuple" diffamiert wird.
Um sich den Angriffen zu entziehen, reist Chénier 1793 ins normannische Rouen und lässt sich anschließend in Versailles nieder, wo er wahrscheinlich an der Pressekampagne beteiligt ist, die eine Verurteilung Ludwigs XVI. verhindern soll. Die Ermordung Jean-Paul Marats (1743-1793) durch Charlotte Corday (1768-1793) am 13. Juli 1793 feiert der Dichter in der - nicht publizierten - "Ode á Marie-Anne Charlotte Corday".
Als Chénier am 7. April 1794 in Passy die Wohnung einer befreundeten Aristokratin verlässt, die unter Beobachtung steht, wird er versehentlich verhaftet und nach St. Lazare gebracht. Dort trifft er den befreundeten Dichter Jean-Antoine Roucher (1745-1794). In der Haft entstehen die "Iambes", die in einem Wäschekorb des Gefängnis verlassen und erst 1839 von Charles-Augustin de Saint-Beuve (1804-1869) veröffentlicht werden. Lyrik dient hier als Mittel der politischen Agitation. Die polemischen Gedichte, die auf die Chiffren von Lamm und Schlachthaus zurückgreifen, bilden den originellsten Teil von Chéniers Werk und bezeugen im Wechsel von Anklage und Frage das Selbstverständnis des unpolitischen Dichters, der sich als Opfer eines unrechtmäßigen Regimes sieht. Chénier bewegt sich im Spannungsfeld zwischen der als notwendig empfundenen Polemik gegen die Montagnards und den stilistischen Anforderungen der Gattung. Die "Iambes" bieten so die Form für die Verständigung über die Sendung des Dichters in der Epoche des Terreur.
Im Gefängnis macht Chénier auch die Bekanntschaft der damals 23jährigen Aimée de Coigny, deren Schönheit ihn zu einem seiner berühmtesten Gedichte, der "Ode à une jeune captive", inspiriert. Das Gedicht trägt maßgeblich zur Entstehung der Legende von der tragischen Liebe zwischen dem Dichter und Aimée bei, die wahrscheinlich keine Entsprechung in der Realität besitzt. Für den fiktiven Charakter der Beziehung spricht auch, dass Chénier an keiner Stelle in den Memoiren der vorgeblichen "Muse" erwähnt wird.
Am 6. Thermidor des Jahres 2 (26.07.1794) findet Chéniers Verhandlung vor dem Revolutionstribunal statt. Die Anklage lautet auf gegenrevolutionäre Propaganda, Verschwörung im Gefängnis und Unterstützung des in Ungnade gefallenen Generals Dumouriez (1739-1823). Obwohl die Verschwörung eine Erfindung des Öffentlichen Anklägers Fouquier-Tinville (1746-1795) darstellt und nicht Chénier selbst, sondern sein Bruder Sauveur unter Dumouriez gekämpft hat, wird der Dichter zum Tod verurteilt. Am nächsten Tag stirbt Chénier zusammen mit Roucher unter der Guillotine auf der Place de la Barrière Renversée (Place de Vincennes). Beide zitieren auf dem Weg zur Guillotine die erste Szene aus Racines "Andromaque".
Zu Lebzeiten Chéniers erscheinen nur die oben erwähnten Gedichte auf nationale Ereignisse. Die erste Ausgabe von Chéniers Lyrik wird 1819 auf Veranlassung der Familie publiziert; die Mehrzahl der Manuskripte geht 1870 verloren oder ist verschollen.
Die Dichter des 19. Jahrhunderts sehen in Chénier den bedeutendsten Lyriker seiner Zeit. Während François-René de Chateaubriand (1768-1848) ihn Theokrit gleichstellt, charakterisiert Victor Hugo (1802-1885) Chénier als "romantique parmi les classiques", und die Dichter des Parnasse begeistern sich für Chéniers Kult der Form und dessen musikalischen Vers. Einer breiteren Öffentlichkeit wird Chenier durch die Oper "Andrea Chénier" von Umberto Giordano (1867-1948) bekannt.
Literatur
Etienne Azaïs: Les Chénier. Autour de la Révolution française. Paris 1992.
Simone Balayé und Béatrice Didier: Sortir de la Révolution. Casanova, Chénier, Staël, Chateaubriand. Saint-Denis 1994.
Sylvie Caucanas (Hg.): Venance Dougados et son temps, André Chénier, Fabre dÉglantine. Carcassonne 1995.
Giordano, André Chénier. Paris 1989.
Elizabeth R. Jackson: "Secrets observateurs …". La poésie d´André Chénier. Fasano 1993.
Jean Raymond: La dernière nuit d´André Chénier. Paris 1989.
Mario Mazzucchelli: Andrea Chenier. Milano 1988.
Pierre Prades: Ils ont tué le poète. André Chénier (3 octobre 1762 - 20 juillet 1794). Paris 1998.
Quellen
[Brochures sur la municipalité et les districts de Paris] . [Districts A-Ca]
Dialogue du public et de l'anonyme / par M. J. de Chénier
Idées pour un cahier du Tiers-Etat de la ville de Paris / par M. de Chénier
Adresse de M.J. de Chénier, auteur de "la tragédie de Charles IX", aux soixante districts de Paris
Courtes réflexions sur l'état-civil des comédiens / par M.J. Chénier
Dénonciation des inquisiteurs de la pensée / par M. J. de Chénier
Charles IX ou L'école des rois : tragédie / par M. Chénier,...
De la liberté du théâtre en France / par M. J. de Chénier
Oeuvres complètes d'André de Chénier / [publiées par H. de Latouche]
Epître à Voltaire / par M.-J. Chénier. Suivie des Coteries : satire / par Alexis Lagarde
Jean Calas : tragédie en 5 actes / par Marie-Joseph Chénier,...
Fénelon ou Les religieuses de Cambrai : tragédie en 5 actes / par Marie-Joseph Chénier,...
Charles IX [neuf] ou L'École des rois : tragédie / par Marie-Joseph de Chénier
http://gallica.bnf.fr/scripts/ConsultationTout.exe?E=0&O=N205118
Stefan W. Römmelt
Empfohlene Zitierweise
Römmelt, Stefan W.: Chénier, A.M., in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/de/persistent/artikel/517/
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Erstellt: 03.01.2006
Zuletzt geändert: 03.01.2006
Index
- Babeuf, F.N.
- Bailly, J.S.
- Barras, P.F.
- Beaumarchais, P.-A.
- Brissot, J.P.
- Chateaubriand, F.R.
- Chénier, A.M.
- Cloots, J.B.
- Condorcet, M.J.
- Corday, C.
- Danton, G.-J.
- Desmoulins, C.
- Fontanes, de J.-P.
- Fouché, J.
- Gorsas, A.J.
- Gossec, F.-J.
- Gouges, M.O. de
- Grégoire, H.
- Guillotin, J.-I.
- Hébert, J.-R.
- Joséphine
- Karl X.
- Lafayette, M.J.
- Le Peletier, L.M.
- Ludwig XVI.
- Ludwig XVIII.
- Marat, J.P.
- Marie Antoinette
- Méricourt, T.
- Mirabeau, A. B.
- Mirabeau, H.-G.
- Napoleon
- Necker, J.
- Robespierre, M.M.
- Sade, F. de
- Saint-Just, L.-A.
- Sieyès, E.J.
- Staël, Mme de
- Talleyrand, C.M.
- Vergniaud, P.V.




