Mainz

Johann Philipp von Schönborn, 

Mainzer Erzbischof und Kurfürst von 1647-1673 

(*Burg Eschbach/Taunus 6.8.1605 – †Würzburg 12.2.1673) 

Gilt als Urheber des Ersten Rheinbunds. 


Johann Philipp von Schönborn (Ebf. v.
Mainz), Kupferstich aus C. Merians
Krönungsdiarium von 1658. HAB
Wolfenbüttel

Johann Philipp stammte aus dem Hause Schönborn, einem Nassauer Rittergeschlecht, das sich zuweilen selbst als „arme Westerwälder Edelleute“ bezeichnete und dessen Wurzeln im gleichnamigen Ort nahe Dietz an der Lahn liegen. Wenngleich Teile der Familie schon früh zum Luthertum konvertierten, sollte das Haus Schönborn während des 17. und 18. Jahrhunderts die geistlichen Fürstentümer an Rhein und Main entscheidend prägen. 

Der Vater Johann Philipps war der Amtmann Georg von Schönborn, dessen Konfession umstritten ist, seine Mutter die Katholikin Maria Barbara von der Leyen. Auch die ursprüngliche Konfessionszugehörigkeit Johann Philipps ist aufgrund widersprüchlicher Quellen unklar. Die innerfamiliären konfessionellen Umstände, das protestantische Umfeld seiner Heimat sowie Erlebnisse während des Dreißigjährigen Krieges dürften dann auch prägend für die Haltung des späteren Kirchenfürsten gewesen sein, sowohl im Hinblick auf seine religiöse Toleranz als auch auf sein Streben, die konfessionelle Spaltung zu überwinden. 

Johann Philipp wuchs gemeinsam mit seinen jüngeren Geschwistern Philipp Erwein und Agatha Maria auf Burg Eschenbach auf. Seine schulische Ausbildung an der Freischule im protestantischen Weilburg ist weder ausgeschlossen noch bewiesen. Sicher hingegen ging er nach dem Tod seines Vaters (1614), spätestens aber seit 1616 in Mainz zur Schule, wo katholische Verwandte bedeutende Pfründe und Ämter innehatten. 1619 trat Johann Philipp in den Klerikerstand ein. Studien in Würzburg (ab 1621), Orléans (1623-25) und Siena (1628-1629) mit Reisen nach Rom und Neapel folgten. Domherrenpräbenden wurden ihm 1621 in Würzburg und 1625 in Mainz übertragen. Am 12. Mai 1626 empfing er in Mainz die niederen Weihen, am 25. September 1629, nach seiner Rückkehr aus Italien, wurde er in das Würzburger Domkapitel aufgenommen und vier Jahre darauf in das Mainzer. Von 1631-34 suchte der junge Prälat wie auch andere geistliche Würdenträger vor den Schweden Zuflucht in Köln. Vielleicht kam er dort auch mit dem Jesuitenpater Friedrich Spee in Kontakt, dessen kritische Haltung zu den Hexenprozessen ihn nachhaltig beeinflusste. Während der Zeit des Kölner Exils war er an diplomatischen Verhandlungen mit Frankreich beteiligt. Wenngleich er während des Krieges mit riskanten Missionen (Rücktransport des Würzburger Domschatzes) betraut wurde und offenbar über gute militärische Kenntnisse verfügte, ist die angebliche aktive Teilnahme des Klerikers am Krieg wohl Legende. Mit seiner Wahl zum Fürstbischof von Würzburg am 8. September 1642 erreichte die eindrucksvolle Karriere Johann Philipps ihren ersten Höhepunkt. Fünf Jahre später wurde ihm der Mainzer und 1663 schließlich der Wormser Episkopat übertragen. Johann Philipp starb 1673 in Würzburg; sein Körper wurde dort, sein Herz in Mainz bestattet.  

Die von religiöser Toleranz und Pragmatismus bestimmte Politik Johann Philipps galt vorrangig der Beendigung des Dreißigjährigen Krieges und, nach Abschluss des Westfälischen Friedens, dessen Sicherung, dem Wiederaufbau und der Reorganisation seiner Territorien sowie der Wahrung der Libertät der kleineren und mittleren Reichsstände. Für die Durchsetzung seiner Ziele versuchte der Kirchenfürst, zum einen im bourbonisch-habsburgischen Antagonismus zu vermitteln zum anderen den Kaiser zu einer reichsdienlichen Politik zu bewegen. Hierbei war er auf Bündnisse angewiesen. Am 11. August 1655 trat er der katholischen Kölner (Defensiv-)allianz bei. Sie bildete ein Gegengewicht zur protestantischen Hildesheimer Allianz und verschaffte Kurmainz eine gewisse Sicherheit; ihre Möglichkeiten blieben indes beschränkt. Der Tod Kaiser Ferdinands III. im Jahre 1657 eröffnete Johann Philipp als Reichserzkanzler und erstem Kurfürsten neue Wege: Zunächst versuchte er, die Wahl des Habsburgers Leopold an einen Frieden zwischen Frankreich und dem vom Vetter des Kandidaten regierten Spanien zu knüpfen. Als dies nicht gelang, unterstützte er sehr zum Ärger Frankreichs, das – wie damals durchaus üblich – bereits beträchtliche Bestechungsgelder hatte fließen lassen, dennoch die Wahl des Habsburgers, dessen Macht jedoch durch eine weit reichende Wahlkapitulation begrenzt wurde. Zudem forcierte er zugleich den Abschluss des überkonfessionellen Rheinbunds, der die Möglichkeiten des Kaisers beschränkte und ihm eine militärische Unterstützung Spaniens nahezu unmöglich machte. Diesem Bündnis trat am nächsten Tag auch Frankreich bei. Treffend bezeichnete deshalb Volker Press  den Rheinbund als „kühnen Versuch” des Mainzer Erzbischofs, „die Garantiemacht Frankreich und das soeben wieder mit der Kaiserwürde betraute Haus Österreich gegeneinander auszubalancieren, um Ruhe und Sicherheit im Reich zu stabilisieren.” (Press, S. 409)

Häufig wandte sich Johann Philipp von Schönborn politisch Frankreich zu, was ihm des Öfteren – und vor allem in der deutschen Geschichtsschreibung des 19. sowie des frühen 20. Jahrhunderts – zum Vorwurf gemacht wurde. Es dürfte dem Kirchenfürsten bei seiner profranzösischen Politik jedoch weniger um die grundsätzlich Unterstützung des westlichen Partners gegangen sein. Vielmehr war ihm die Realisierung einer eigenständigen Politik wichtig. Tatsächlich wandte er sich dann im Zuge der Expansionspolitik Ludwigs XIV. verstärkt wieder dem Wiener Hof zu. Zu Recht bezeichnete deshalb Heinz Duchhardt die Politik des Mainzer Kurfürsten als einen Balanceakt zwischen den Großmächten und seine aktiven Friedensbemühungen als politische Notwendigkeit, mit dem positiven Nebeneffekt des Prestigegewinns (Duchhardt, S. 2-3). Der Kritik an seinen diplomatischen Kehrtwenden und seiner in weiten Teilen antikaiserlichen Politik war er sich bewusst, denn auf dem Sterbebett sagte er: „Gott, in dessen Angesicht ich bin, weiß, daß ichs allezeit treu und redlich mit Ihro Majestät dem Kayser und dem Römischen Reiche gemeynet habe.“ (Herberger, S. 73)

Schönborns Toleranz und Pragmatismus schlugen sich auch in seiner Hofhaltung und Innenpolitik nieder. Mainz wurde unter seinem Episkopat ein Zentrum katholischer Irenik. Auffallend viele Mitarbeiter – darunter Gottfried Wilhelm Leibniz und Johann Christian von Boineburg – waren Protestanten oder Konvertiten, und die Kontakte zu Gelehrten und Universitäten waren eng. Unter dem Einfluss der Cautio Criminalis Friedrich Spees ließ der Souverän als einer der ersten deutschen Fürsten die Hexenprozesse einstellen. Auch entfaltete er im Geiste des Tridentinums eine rege Seelsorge- und Reformtätigkeit zu der Visitationen und katechetische Schriften ebenso gehörten wie die Wiedererrichtung des Mainzer Priesterseminars (1660-1662) und Waisenhauses (1665). Hinter Schönborns Initiativen, seinem irenischen Wirken sowie seinen Unionsgesprächen, standen durchaus auch politische Motive: So ging es ihm zwar um die Wiederherstellung der kirchlichen Einheit – jedoch unter päpstlicher Herrschaft. Freilich lag ihm der Frieden am Herzen - allerdings auch, weil dieser für das militärisch schwache Fürstentum und den eigenen Machterhalt existentiell war. Letztlich ändert das aber nichts an den positiven Auswirkungen seiner Politik, weshalb die Nachwelt Johann Philipp von Schönborn nicht ganz zu unrecht als Friedensfürst und deutschen Salomon gerühmt hat.

Verfasser: Peter Seelmann 

 

Literatur:  

Bockenheimer, Karl Georg: Schönborn, Johann Philipp von, in: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Bd. 32, Leipzig 1891, S. 274-276.

Mentz, Georg: Johann Philipp von Schönborn, Kurfürst von Mainz, Bischof von Würzburg und Worms 1605-1673, 2 Teile, Jena 1896-1899.

Schnur, Roman: Der Rheinbund von 1658 in der deutschen Verfassungsgeschichte, Mainz 1953 (Diss. masch.). Unter demselben Titel auch erschienen in: Rheinisches Archiv, Veröffentlichungen des Instituts für geschichtliche Landeskunde der Rheinlande an der Universität Bonn, Bd. 47, Bonn 1955.

Mariegold, W. Gordon: Unbekannte Aspekte des Schönborn’schen Archivs Wiesenheid, in: Mainfränkisches Jahrbuch für Geschichte und Kunst 27 (1975), S. 90-97.

Jürgensmeier, Friedhelm: Johann Philipp von Schönborn (1605-1673) und die römische Kurie. Ein Beitrag zur Kirchengeschichte des 17. Jahrhundert, (= Quellen und Abhandlungen zur Mittelrheinischen Kirchengeschichte 28) Mainz 1977.

Duchhardt, Heinz: Der Kurfürst von Mainz als Europäischer Vermittler. Projekte und Aktivitäten Johann Philipps von Schönborn in den Jahrzehnten nach dem Westfälische Frieden, in: Studien zur Friedensvermittlung in der Frühen Neuzeit, (= Schriften der Mainzer Philosophischen Fakultätsgesellschaft 6), Wiesbaden 1979, S. 1-22.

Herberger, Patricia: Herman Conring (1606-1681). Ein Gelehrter der Universität Helmstedt (Katalog zur Ausstellung der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel im Juleum Helmstedt 12. Dezember 1981 bis 31. März 1982; im Alten Rathaus zu Norden, Frühsommer 1982; im Museum für das Fürstentum Lüneburg, Herbst 1982), Wolfenbüttel 1981

Bott, Katharina: Bibliographie zur Geschichte des Hauses Schönborn (= Bibliographien zur fränkischen Geschichte 4), Neustadt/Aisch 1991.

Press, Volker: Kriege und Krisen, Deutschland 1600-1715, München 1991.

Dahm, Christof: Schönborn, Johann Philipp von, in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Bd. 9, Herzberg 1995, Sp. 633-636.

Hartmann, Peter Claus [Hg.]: Die Mainzer Kurfürsten des Hauses Schönborn als Reichserzkanzler und Landesherren, (= Mainzer Studien zur neueren Geschichte 10), Frankfurt am Main 2002.

Empfohlene Zitierweise

Peter Seelmann: Johann Philipp von Schönborn. Aus: Der Erste Rheinbund (1658), in: historicum.net, URL: http://www.historicum.net/no_cache/de/persistent/artikel/5990/

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Erstellt: 31.07.2008

Zuletzt geändert: 20.03.2013